EUROPA

 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort 3

Kulturelle Kontinuität seit dem minoischen Kreta ?. 4

Der geschichtliche Rahmen. 4

Mythos und Geschichte. 7

Schlussfolgerung. 8

Schrift von Linos bis Homer ?. 9

Die Titanen – Schattenbilder eines Mythos ?. 13

Fabelwesen. 19

Die mythische Zeitspanne. 20

Das Publikum der alten Vortragenden. 22

Manipulation und ihre Grenzen. 22

Die Kentauren. 25

Der Minotauros. 28

Das fliegende Pferd Pegasos. 34

Kyklopen, Hekatocheiren und Giganten. 38

Die Ungeheuer. 40

Der Bronzemann Talos. 45

Des Helios goldene Schale. 49

Die Amazonen. 51

Mit den Göttern an einem Tisch. 54

Götter als Eltern. 59

Die „silberne Zeit“ – heute. 62

Das „Große Gebäude“. 63

Der "Chef'' 63

Die "Chefin'' 64

Die Lehrerin. 65

Der Doktor. 66

"Diana" und die Umwelt 67

Was der "Vulkan" hervorbringt 67

Die Gesellschaftsdame. 68

Der Streitbare. 69

Bacchus und der Wein. 70

Der Kaufmann. 70

Frau Baumeisterin. 72

Der Seemann. 73

Adi und die Schatten der Toten. 73

Die Quartals ‑ Ehefrau. 74

Die Landwirtschaft der Dimitra. 75

Die Stadtregierung. 76

Der Gemeindearbeiter. 76

Zusammenschau. 77

Die griechischen Göttinnen und Götter in der Übersicht 80

Des Kontinents Anfänge - in einer einzigen Szene. 82

Zeit, Ort und Personen der Handlung von „Europa“. 82

Einflüsse aus dem späteren Krieg um Troja. 87

Mythische und historische Abläufe rund um „Europa“. 92

Die Charaktere der Heroinnen und Heroen. 107

Parallelitäten zwischen Gottheiten und Heroengestalten. 108

Zuordnungen skizzieren die Charaktere der Heroengestalten. 111

Das „Knossische“ am Olymp. 115

Nicht des Olymp würdig. 116

Der Typus des fahrenden Heros. 117

Charakterähnlichkeiten von Gottheiten und Heroengestalten. 119

Motive der mythischen Personen aufgrund des Rechts. 120

Mutterlinie und Vaterlinie. 120

Gedanken zum Eigentumsbegriff. 126

Veränderungen der Mythologie. 130

Von den Titanen zu den olympischen Göttern. 130

Die Phase der Kanonisierung. 132

Welchen Rollenbildern entsprechen Athena und Hestia?. 133

Machtwechsel im olympischen Palast 134

Der Olymp und die demokratische Auswahl 135

Der Familienverband. 138

Sind die Olympier abgekommen?. 141

Veränderungen während der letzten hundert Jahre. 143

Lehren für heute. 146

Krieg und Frieden. 147

Politische Ökonomie. 147

Individualität 148

Wertigkeit der Geschlechter. 149

Verwendete Literatur. 150

"EUROPA'', das Konzept zum Libretto. 154

"EUROPA'', - das Treatment 157

„EUROPA“, - das Libretto. 161

Mythisches und Historisches in zeitgenössischen Darstellungen. 184

 

 


 

EUROPA

 

 

 

Vorwort

 

Ein Laie, der den einen oder anderen Gedanken zur Entstehung der europäischen Kultur und somit auch zu ihr selbst festhalten möchte, dem steht es nicht an, Abhandlungen zu versuchen. Vielleicht wählt er besser eine Form, die einer fachkundigen Kritik nicht so sehr ausgesetzt ist. Er könnte sich zum Beispiel vornehmen, seine Gedanken durch ein Libretto zum Ausdruck zu bringen, und sich mit der einem solchen Zweck angemessenen Intensität auf diese Aufgabe vorzubereiten.

 

Da mag es schon vorkommen, dass der Laie mit seinem Urlaubs-Neugriechisch einen Schul ‑ "Schmierer" neben den griechischen Text halten muss, um den Homer und die anderen antiken Autoren überhaupt in der Originalsprache lesen zu können. Da mag es viele wichtige antike Texte geben, die er bloß aus der Sekundärliteratur kennt. Da mag es Pylos ‑ Täfelchen und andere Zeugnisse der mykenischen und der spätminoischen Zeit geben, von denen er nicht einmal noch ein Foto gesehen hat.

 

Schließlich hat seine Beschäftigung mit dem Thema nicht anders angefangen, als mit einem Streitgespräch mit seinem eigenen Sohn im Sommer 1992, im Gastgarten auf dem Festos ‑ Hügel auf Kreta, neben den Palastruinen. Ohne Näheres darüber zu wissen, glaubte er, die Meinung vertreten zu können, es sei kulturelle Kontinuität zwischen der minoischen Zeit und der heutigen Zeit gegeben. Sein Sohn meinte hingegen, dies könne man gar nicht wissen.

 

Aus der daraufhin folgenden Beschäftigung mit dem Thema der Herkunft der europäischen Kultur, auch aus der Erkenntnis, dass Römischem, Keltischem, Germanischem und Slawischem keine vergleichbar zentrale Rolle zukommt wie der griechisch ‑ mythischen Epoche und der mykenischen Zeit, entstand Anfang 1996 die Idee für die Annahme, die dem Libretto zugrunde liegt. Seither wird sie nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Zeit immer mehr konkretisiert, und an die jeweils neuen Erkenntnisse, etwa der Hethiter- und der Troja- Forschung angepasst. Sie liegt seit dem Februar 2011, ohne je fertig sein zu können, in Form der folgenden Seiten vor, abgeschlossen mit dem, - durchaus noch ausbaufähigen, - Libretto.

 

 

 


Kulturelle Kontinuität seit dem minoischen Kreta ?

 

 

Der Name "Europa“ lädt zu dem Gedanken ein, den Beginn unserer heutigen europäischen Kultur in jenem minoischen Kreta zu suchen, das eine „Europa“ damals, vor nahezu dreieinhalb Jahrtausenden, vorgefunden hätte, wäre sie tatsächlich, wie es die Mythe schildert, an seinem Strand gelandet. 

 

Die Benennung des Kontinents nach dem Namen der kretischen Herrschers- Gattin und Herrschers- Mutter der Mythe mag zu der Spekulation verführen, die damalige Kultur sei, weiter getragen von den mykenischen Vorgriechen, über fünf dunkle Jahrhunderte hinweg zu den archaischen, und sodann zu den klassischen Griechen gelangt, sowie danach, über die Römer, zu uns in der heutigen Zeit. Es sei daher kulturelle Kontinuität seit der Zeit des minoischen Kreta anzunehmen.

 

Es scheint Wert, diese Spekulation zu überprüfen und daher zu überlegen, welchen Einfluss jene Periode, in der die kretische Herrscherin, hätte sie wirklich existiert, gelebt hätte, tatsächlich auf uns heute hat.

 

 

 

Der geschichtliche Rahmen

 

Wenn wir ein Volk betrachten, dessen Kultur ohne seinen gewaltigen Außenhandel gar nicht denkbar ist, ist ein umfassender Ausblick, der die ganze den damaligen Menschen des Mittelmeerraumes bekannte Welt einbezieht, notwendig für das Verständnis der Situation und der Vorgänge.

 

Ab 1800 vor Christus schrumpft die Zentralmacht des Mittleren Reiches in Ägypten und lässt das Nildelta und die Ostküste des Mittelmeeres weitgehend frei. Heterogene Fremdvölker, heute als Hyksos bezeichnet, beherrschen das Delta. Erst um 1550 ist das eigentliche Ägypten wieder genügend konsolidiert, um Ausweitungen einzuleiten zu können. Dazu gehören die Rückeroberungen des Ahmose, die Entwicklung des Außenhandels der Hatschepsut fünfzig Jahre später und die politische Expansion in den Mittelmeerraum des dritten Thutmosis.

 

In der Zeit der Hyksos jedoch scheint es am Mittelmeer eine Art machtpolitisches Vakuum gegeben zu haben. Nicht nur Ägypten, sondern auch Babylon und Assyrien waren in den Küstengebieten nicht präsent. Die Hethiter waren für eine Expansion noch zu wenig entwickelt und organisiert. Die Ortsansässigen, etwa die Mitanier, entwickelten wenig diesbezügliche Stärke. Und jene Vorgriechen, die zu dieser Zeit schon am Mittelmeer siedelten, waren meist fast noch Wilde.

 

Die machtpolitische Leere führte nicht zu einem kulturellen Niedergang. Aus den Außenhandels- Beziehungen des minoischen Kreta, die schon in der Zeit des ägyptischen Mittleren Reiches bestanden, entstand eine Kultur, die sich zu einer vorher nie gekannten Hochblüte steigerte und den gesamten entstandenen Freiraum ausfüllte.

 

Militärische Mittel, wie etwa Feldzüge und Unterwerfungen anderer Völker, wurden offenbar nicht angewendet. Medium der Kultur waren ganz im Gegenteil die, den Frieden als Voraussetzung verlangenden, Handelsexpeditionen. Diese Unternehmungen verließen in der Regel wohl mit dem Frühjahr ihre Heimathäfen und kehrten während des Herbstes zurück. Aus diesen Expeditionen entwickelten sich ständige Handelsniederlassungen an, von Kreta aus gesehen, fremden Küsten, die auch im Winter besetzt waren.

 

Die Spekulation ist wohl nicht unzulässig, dass der Bedarf an Arbeitskräften, der für den Welthandel der minoischen Kreter notwendig war, unter den Kretern selbst immer weniger abgedeckt werden konnte. Es werden wohl oftmals die Vorgriechen gewesen sein, die in immer neuen Scharen in die Ägäis drängten, auch angelockt von den dortigen Verdienstmöglichkeiten, die als Gastarbeiter die „Knochenarbeiten“ zu erledigen hatten. Es ist eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich, dass unsere Vorfahren, dass jene Indoeuropäer, die die Kultur, die sie einmal übernehmen sollten, kennen lernten, diese Kultur als deren Ruderer, Lastenträger und Wachmannschaften kennen lernten.

 

In Kreta war die Aufgabe zu lösen, einen Welthandel zu organisieren, ohne Computer, ohne web, e-Mail, Fax und Telefon sicherzustellen, dass das Richtige bestellt, produziert, zwischengelagert und an die richtige Destination ausgeliefert wird. Diese Aufgabe erforderte Distributions‑, Lager-, ­Produktions‑ und Schulungszentren von entsprechend gewaltigen Ausmaßen. Aus diesem Blickwinkel gesehen erklären sich die praktischen Zweckbestimmungen der kretischen "Paläste" nahezu von selbst.

 

Aus der Erfüllung der Aufgaben, die der Welthandel erforderte, erklärt sich auch die, wie die vielen bekannten Darstellungen eindrucksvoll zeigen, besondere Rolle der Frauen. Wenn es, wie etwa auf dem „Wandbild mit der Flotte“ aus Akrotiri auf Santorin dargestellt, fast nur Männer waren, die zur See fuhren, und daher fast zwei Drittel des Jahres gar nicht da waren, dann müssen den Frauen, deren Köpfe auf dem „Wandbild“ folgerichtig auch merklich größer dargestellt sind, als die Männerköpfe, zwangsläufig jene gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen zugefallen sein, die die Männer wegen ihrer Abwesenheit nicht übernehmen konnten. Das Prinzip war offenbar: „den Frauen das Land, - den Männern die Schiffe und das Meer“. So erklärt sich auch, warum sogar noch beim Homer etwas, das wir als matrilineare Erbfolge zu erkennen glauben, keine unbedeutende Rolle spielt.

 

Die archäologischen Befunde legen es nahe, anzunehmen, dass die Vorgriechen von den minoischen Kretern auf Kreta die Macht übernommen haben. Tontäfelchen und Gefäße sind mit einem Mal in griechischer Sprache und Linear‑B‑Schrift beschriftet und nicht mehr in Linear‑A‑Schrift und in einer für uns noch unlesbaren, vermutlich nicht indoeuropäischen, Sprache. Die Machtübernahme durch die Vorgriechen mag sich schrittweise entwickelt haben, sie könnte aber auch mit der Zerstörung und dem Abbrennen aller bekannten minoischen Paläste im fünfzehnten Jahrhundert vor Christus etwas zu tun haben. Unlogisch wäre es nicht. Denken wir dabei an folgendes Szenario:

 

Von Ägypten aus betreibt der dritte Thutmosis seine Expansionspolitik. Zwischen 1445 und 1425 sind alljährlich Feldzüge nach Vorderasien dokumentiert. Ein kriegsbedingter Ausfall der Handelsdestinationen Kretas, von Libyen über das Nildelta und über Palästina bis über den Libanon hinaus, hätte mit Sicherheit schwerwiegende Auswirkungen in Kreta gehabt. Nicht nur, dass infolge einer Rückwanderungswelle aus den Handelsstützpunkten, auf Kreta viel mehr hungrige Mäuler als vorher zu versorgen sind, ist diese Leistung auch noch in Zeiten einer Wirtschaftskrise zu erbringen. Volle Lager mit krisenbedingt unanbringlichen Luxusgütern, nicht zuletzt Wein, quellen über in den Palästen. Soziale Spannungen sind unvermeidlich.

 

Soziale Spannungen waren nun im minoischen Kreta wohl immer vorerst Spannungen zwischen Volksgruppen. Hätten sich Vorgriechen und minoische Kreter vermischt und nicht von einander abgesondert, so wären die bekannten Unterschiede, wie das Bestehen verschiedener Trachten und verschiedener Sprachen, nicht erklärbar.

 

Daher werden es wohl die Vorgriechen gewesen sein,  jene, die aus Palästina und aus dem Libanon, dem Nildelta und aus Libyen rückgewandert oder gar geflohen sind,  zusammen mit jenen, die in Kreta selbst ein Zuhause gefunden hatten, die die Paläste niedergebrannt und die Macht übernommen haben.

 

Einem Wunder kommt es gleich, dass dies nicht das Ende der minoischen Kultur gewesen ist. Offensichtlich haben die Vorgriechen und die Minoer, oder, entsprechend der Wertigkeiten der Frauen, was die Landherrschaft betrifft,  die Vorgriechinnen und die Minoerinnen, nach der Katastrophe jene Einsicht entwickelt, die einen gemeinsamen Neubeginn in Knossos, in Epano Archanes und in Aghia Triada ermöglichte, diesmal allerdings unter vorgriechischen Vorzeichen und unter vorgriechischer Herrschaft.

 

Es entsteht, für nicht einmal ein Jahrhundert, aber immerhin für mindestens zwei Generationen, der "Palaststil", - von Kreta aus gesehen „spätminoisch II“ genannt, von der Peloponnes her gesehen "mittelmykenisch" oder „späthelladisch II“. Diese Zeit wäre daher, sofern Kontinuität über die dunklen Jahrhunderte hinweg angenommen werden kann, die Entstehungszeit unserer heutigen, als "westlich" oder abendländisch bezeichneten Kultur, ihrer Wertvorstellungen, ihres "Denkstiles", ihrer praktischen Veranlagung und des damit in Zusammenhang stehenden Pragmatismus.

 

Der "Palaststil" und die darauf folgenden spätmykenisch bestimmten Perioden von „spätminoisch III a und b“ werden in einer neuerlichen Katastrophe enden. Wieder brennen die Paläste. Diesmal wird jedoch keiner wieder aufgebaut. Die Zeit Kretas wird dann längst vorüber sein. Seine Rolle werden zwischenzeitlich Regionen wie die Argolis und Messenien, Böotien, Magnesien und Attika übernommen haben, mit Städten wie Mykene, Tiryns, Argos, Midea, Pylos, Theben, Jolkos und Athen. Diese Städte werden plötzlich ummauert werden. Auch sie werden jedoch, so um 1200 vor Christus herum, erobert werden und ihre Funktion verlieren.

 

 

 


Mythos und Geschichte

 

Der griechische Mythos geht offensichtlich von einer Geschichts- Betrachtung aus, die der hier dargelegten entspricht. Er personalisiert die Geschichte und überliefert dazu Namen und Schicksale:

 

So wandern die Ur‑ur‑ur‑Enkelinnen und Ur‑ur‑ur‑Enkel der von der Argolis nach Ägypten  ausgewanderten Argiverin "Io" allesamt zur gleichen Zeit zurück: „Kadmos“ mit seiner Mutter „Telephassa“ von Tyros (heute Sur im Libanon) nach Theben in Böotien, seine Schwester „Europa“ nach Kreta, sein Bruder „Kilix“ nach Kilikien in der heutigen Türkei, die „Danaiden“- Frauen mit ihrem Vater von Libyen nach Argos, die Söhne des „Ägyptos“ mit ihrem Vater vom Nildelta ebenfalls nach Argos, - und „Andromeda“ in Begleitung des Perseus von Jaffa nach Tiryns in der Argolis.

 

Die Mythe nennt auch jenen Mann, mit dem sich Europa in Kreta verheiratet hat, nachdem sich Zeus, der sie ja nach Kreta gebracht haben soll, zurückgezogen hatte: Er hieß "Asterios" und war ein Urenkel jenes "Hellen", der als Namensgeber der Hellenen gilt, und jener Orse-is, die als deren Mutter bezeichnet wird. Asterios war demnach Vorgrieche und nicht Altkreter. Es muss ihm wohl eine entscheidende Rolle im Aufstand der Vorgriechen gegen die Altkreter zugekommen sein. Anders wäre es kaum erklärbar, dass sein Ziehsohn oder Sohn „Minos“, der Sohn der Europa, Herrscher von Knossos wird, vielleicht sogar von ganz Kreta samt dessen auswärtigen Besitzungen.

 

Die Mythe gibt dem Minos auch eine Gattin: Ihr Name ist "Pasiphae". Sie gilt als die Tochter einer Frau namens "Perseis" und des Sonnentitanen Helios. Eine griechische Genealogie fehlt hier. Perseis und Pasiphae werden daher kaum Griechinnen gewesen sein. Es scheint dies einer jener vergleichsweise seltenen Fälle zu sein, wo die griechische Mythologie nicht umhin kann, von Personen zu berichten, die gar nicht protogriechisch waren. Perseis war wohl jene altkretische Herrscherin, die sich mit den aufständischen Vorgriechen geeinigt hat, oder besser gesagt, mit jener Vorgriechin, die die vorgriechische Landnahme repräsentierte: mit Europa.

 

Die Bezeichnung des Kontinents "Europa" nach der vorgriechisch-­kretischen Herrscherin Europa ist, folgt man der Mythe, - trotz bereits in der Antike geäußerter Zweifel, - mehr als einleuchtend. Die Europa der Mythe muss, wenn wir den Kontinent Europa als kulturelle Einheit definieren, als die Begründerin dieses Kontinents verstanden werden !

 

Die Mythe feiert sodann die neue Kooperation zwischen herrschenden Vorgriechen und beherrschten Altkretern in einer gewaltigen Hochzeit. Die Tochter der Perseis, Pasiphae, heiratet den Minos, den Sohn der Europa. In einer Zeremonie, die ihresgleichen sucht, wird ein weißer Stier aus dem Meer geführt und dient beiden Völkern als anerkanntes Zeichen der neuen Gemeinsamkeit.

 

Pasiphae und Minos werden hohe Lebensalter erreichen und lange regieren. Erst nach Minos Tod im fernen Sizilien, erst nach des Minos Sohn und Nachfolgers „Katreus“ Tod in Kamiros auf Rhodos, fünfzig oder sechzig Jahre nach Minos Hochzeit, wird das Kreta der Mythe seine führende Rolle verlieren.

 

Während die Mythe getreulich vom Mauerbau in Mykene und Tiryns, in Theben und sogar in Troja berichtet, Städten, wo nunmehr offenbar die politische Macht zu Hause ist, wird von Kreta nichts Derartiges berichtet. Der Palast von Knossos ist, von wem auch immer, eingenommen und zerstört worden. Der Herrscher Deukalion, Sohn des Minos, sowie Bruder und Nachfolger des Katreus, soll umgebracht und dessen Schwester Ariadne als neue Regentin eingesetzt worden sein. Ihr sollte Deukalions Sohn Idomeneos nachfolgen, der in seinen fortgeschrittenen Lebensjahren unter dem Oberbefehl des Mykeners Agamemnon vor Troja liegen sollte.

 

­Die mykenische Kultur wird tatsächlich eine "mykenische" geworden sein. Die Erinnerung, dass sie ursprünglich eine vorgriechisch­-altkretische Kultur gewesen ist, eine „knossische“, wird verblassen. Die Zeit wird, wie es die erwähnten Mauerbauten beweisen, kriegerischer geworden sein. Für Handelsexpeditionen wird der Raum zu eng geworden sein.

 

Während in Nahost die Ägypter gegen die Hethiter kämpfen, werden im ägäischen Raum die Vorgriechen gegen sich selbst antreten, wie wir es aus der Mythe kennen: vor Pylos und zwei mal vor Theben, in Elis, in Sparta und zwei mal in Troja werden mykenische Vorgriechen einander die letzten Wertsachen rauben und schlussendlich auf diese Weise ihre eigene Kultur zerstören. Die letzten Mauern, etwa die von Mykene, werden verfallen, weil es nichts mehr gibt, was Mauern schützen könnten. Der letzte Pflug aus Metall wird verrostet sein, und er wird von der zugrunde gegangenen Wirtschaft nicht mehr ersetzt werden können.

 

Gerade nur die A-iden, die „Sänger“, werden es sein, die von der erlöschenden Kultur berichten. Sie werden diese Berichte zu einer plastischen Vision der vergangenen großen Zeit verdichten, ‑ und ihre Botschaft wird jenseits der dunklen Jahrhunderte, in der archaischen Zeit, ankommen. Sie wird verfälscht sein, aus politischer Rücksicht, wegen der Bedürfnisse des Publikums, oder einfach aufgrund von Irrtümern und Übertragungsfehlern. Sie wird daher in vielen Details unrichtig ankommen. Aber sie wird im Großen und Ganzen zutreffend ankommen. Nur daraus wären ja auch die vielen Übereinstimmungen zwischen den Grabungsbefunden und den Mythen erklärbar.

 

Die beschriebene Kultur wird das Vorbild schlechthin für die klassische Antike Griechenlands und Roms sein, und den Vorbildcharakter bis in die letzten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts nach Christus nicht verlieren, dreitausendzweihundert Jahre lang.

 

 

 

Schlussfolgerung

 

Die vergleichende Betrachtung der Geschichte der Geschichts- schreibenden Völker in der kretisch‑mykenischen Zeit sowie der diese Zeit betreffenden archäologischen Befunde einerseits,  und der Heroenmythen der Griechen andererseits, zeigt, wie diese Seiten beispielhaft zu ­belegen versuchen, weitgehende Übereinstimmungen und kaum einen Widerspruch. Dies ist zwar kein Beweis, aber ein so starkes Argument für die Annahme der kulturellen Kontinuität vom minoischen Kreta bis heute, dass eine solche, sozusagen bis auf Weiteres, vorauszusetzen ist.

 

Schrift von Linos bis Homer ?

 

 

Linos, heißt es, der Lehrer des Orpheus, ein Dichter aus Argos, habe seine Texte in pelasgischen Buchstaben niedergeschrieben. Sofern er dies tatsächlich getan hat, war die Sprache, in der er schrieb, ein frühes Griechisch, die Schrift  "Linear B“ und die Zeit, in der er schrieb, die erste Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts vor Christus, so um 1370.

 

Warum sollen wir daran zweifeln? Wenn die Kaufleute es gewohnt waren, die Lager­bestände des jeweils laufenden Jahres auf Tontäfelchen zu verzeichnen, - und sodann (leider) auf weit vergänglicheren Materialien, - werden die Dichter wohl nicht darauf verzichtet haben, sich schriftliche Gedächtnishilfen anzulegen. Da sie solche Aufzeichnungen jedenfalls nicht auf den für diesen Zweck unpraktischen Tontafeln machten, sondern weit eher auf einer Art Papier, etwa auf Papyrus oder auf Tierhäuten entsprechend dem späteren Pergament, ist nichts mehr davon erhalten. Es müsste eine Verkettung glücklicher Zufälle sein, wenn sich diesbezüglich Reste irgendwo erhalten haben und von der Archäologie aufgefunden werden können.

 

Linear B, liest man, ist für die Niederschrift von Epen und der­gleichen nicht geeignet. Es ist als Silbenschrift für lange Texte zu umständlich, zu wenig eindeutig und erfordert zu viel Merkfähigkeit bei Schreiber und Leser. Diese Argumente setzen eine Leserschaft im heutigen Sinn voraus, für die sie wohl zutreffen würden. Wenn es jedoch darum geht, ob für professionelle Vortragende Texte als Gedächtnishilfen zur Verfügung gestellt werden  können, oder nicht, ‑ dann ist die Frage unbedeutend, wie kompliziert und wie präzise das ist. Die Gedächtnis­- Leistung des Merkens einer Silbenschrift ist immer eine geringere, als jene, ein ganzes Berufsleben lang Texte in der Länge von Ilias und Odyssee auswendig merken zu müssen.

 

Wir könnten den Namen der Muse der Epik, Kalliope, als Hinweis für die Bedeutung der Schrift in der mykenischen Vortragskunst auf­fassen, wenn wir das „-ope“ von „Ops“ (ωψ, ωπός), „Auge, Gesicht“ ableiten und „Kalliope“ nicht als „hübsches Gesicht“, sondern als „gutes Auge" verstehen !

 

In den dunklen Jahrhunderten war die Schrift im protogriechischen Bereich, allerdings mit Ausnahme der Insel Zypern, vergessen, ‑ in diesem Punkt stimmen die dem Verfasser bekannten Autoren überein. Jedoch: kann man das auch glauben? Ist es nicht völlig unlogisch, anzunehmen, die frühgriechischen A‑iden hätten sich Telefonbuch- lange Texte gemerkt, aber ihr Linear-B vergessen?

 

Ja, ‑ Verzeichnisse von Wein und Öl, Wolle und Webwaren auf Tontäfelchen oder sonstigen Materialien sind abgekommen. Ein Handel und eine Lagerhaltung, die so etwas benötigt hätten, waren ja auch längst zusammengebrochen. Auch die Aufschriften auf jeglicher Art Keramik sind abgekommen.  Wieso sollten auch Töpfer, die mangels Bedarfes, im Gegensatz zu ihren Großeltern, nicht schreiben können, für Kunden und sonstige Abnehmer, die, ebenfalls mangels Bedarfes und im Gegensatz zu ihren Großeltern, nicht lesen können, etwas schreiben wollen?

 

Jedoch: die Kontinuität des A‑iden ‑ Wesens zwischen der Zeit des Linos und der Zeit des Homer wird kaum ernsthaft bezweifelt werden können, ­- und somit auch nicht die Motivation der A‑iden, für sich selbst und für ihre Berufskollegen die früher in Gebrauch gewesenen Schriftstücke weiter zu verwenden und nach Bedarf auch durch neue Notizen zu ergänzen.

 

Vielleicht hat sich das Schreiben und Lesen zu einer Art „Geheimwissenschaft“ der Berufsgruppe der A‑iden entwickelt, ähnlich den Techniken der Illusionisten. Vielleicht hat sich daraus der Gebrauch entwickelt, über das Schreiben und das Lesen bei der A‑iden ‑ Ehre nichts zu erwähnen, nach Möglichkeit auch nicht in den Handlungen der Epen. Vielleicht wollte man aber auch nur auf das Herausstreichen der eigenen Fertigkeiten des Lesens und Schreibens, über die niemand im jeweiligen Publikum, - es sei denn auf der Insel Zypern, - verfügte, verzichten.

 

Jedenfalls wäre es mehr als unlogisch, zu glauben, dass frühgriechische A-iden, die mit Sicherheit viel in der frühgriechischen Welt herumgekommen sein müssen, nicht in Erfahrung bringen konnten, dass auf Zypern nach wie vor das Schreiben mittels einer Silbenschrift, ähnlich „Linear B“, beherrscht wurde, - und wie das  funktioniert.

 

Dächte man hier konsequent weiter, könnte sich sogar die Rolle eines "Homer"  anders darstellen, als allgemein angenommen: aus der Rolle eines redigierenden Vortragenden und Dichters, der auswendig Gewusstes neu fasst und im griechisch‑phönizischen Alphabet niederschreibt, wird die Rolle eines Transskriptors, der Linear‑B oder zyprisch‑minoisch geschriebene Texte, oder zumindest Bausteine für Texte, ins einfachere griechisch‑phönizische Alphabet der Kaufleute überträgt, - oder übertragen lässt, ‑ und sie somit nicht nur den besonders Geschulten aus dem Kreis der A‑iden,  sondern jedem der neuen Schrift Kundigen zugänglich macht. Wäre logisch, hätte er sich, wie ja heute vermutet wird, dieser Arbeit auf Zypern oder in dem Zypern gegenüber liegenden Kilikien unterzogen.

 

Wäre dies so gewesen, dann bekämen Ilias und Odyssee, die  Epen des Kyklos und alle anderen frühgriechischen erzählenden Schriften eine neue Bedeutung: Sie würden sich von der Mythe zur Historie wandeln ! Zumindest käme ihnen die Bedeutung zu, einen historischen Hintergrund weitgehend richtig zu vermitteln, wie dies etwa auch von einem historischen Roman, sei es über Agamemnon oder über Napoleon, erwartet werden kann. An die Existenz von Persönlichkeiten wie Achilles oder Herakles, wie Europa, Minos oder Medea müssten wir dann in ähnlicher Weise glauben, wie an die ihrer Zeitgenossen Amenophis der Dritte, Echnaton und Nofretete.

 

Es wäre, geht man von dieser Annahme aus, leicht erklärbar, warum, etwa beim Homer, neben Zeitgenössischem aus dem achten Jahrhundert vor Christus, immer wieder zutreffende Beschreibungen von Kleidung, Bewaffnung, Gebäuden, Begräbnisriten und örtlichen Gegebenheiten aus der Zeit fünfhundert Jahre vorher auftauchen.

 

Es wäre wohl nicht unerwartet, wenn im Zuge der aktuellen Forschung neue hethitische Quellen auftauchten, die Herrschernamen der „ahijava“- oder „Achäer“- nennen, die als identisch mit Namen der elf mythischen mykenischen Herrscher und der sieben mythischen „Achäer“- und „Danaer“- Hochkönige erkannt werden können, - als Namen aus der Reihe, die vor 1400 vor Christus mit dem Proitos – Sohn „Megapenthes“ beginnt, sodann die Perse-iden von „Perseus“ selbst über „Elektryon“ und „Sthenelos“ bis zu „Eurystheus“ umfasst, und schließlich die Pelopiden, beginnend mit des vom elischen Pisa aus regierenden ersten peloponesischen Hochkönigs „Pelops“ Sohn und Gefolgsmann in Mykene „Thyestes“, über dessen Bruder „Atreus“ als ersten in der Stadt Mykene selbst regierenden Hochkönig und sodann erneut „Thyestes“, zu „Agamemnon“ um 1300, zu „Aigisthos“, zu „Aletes“, zu „Orestes“ und schlussendlich  zu „Teisamenos“ und dessen Sohn „Kometes“, der nach 1240, nach seines Vaters Niederlage gegen „Temenos“ und die anderen dorischen „Herakles- Kinder“ kein „Hochkönig“ mehr war.

 

Ebenso wenig unerwartet wäre es, tauchten in hethitischen Archiven die Namen der vorgriechisch - kretischen Hochkönige der mythischen Epoche auf, die des „Minos“, des „Katreus“ und des „Deukalion“, - und allenfalls auch die Namen der elf mythischen thebanischen Herrscher „Kadmos“, „Polydoros“, „Labdakos“, Laios“, „Jokaste“, „Ödipos“, „Eteokles“, „Laodamas“, „Thersandros“, „Teisamenos“ (II) und Autesion, sowie ihrer sechs Regenten „Pentheus“, Nykteus“, „Lykos“, „Amphion“, „Zethos“ und „Kreon“.

 

Frühe Wissenschaftler, im deutschen Sprachraum etwa Friedrich August Wolf vor zwei Jahrhunderten, und frühe Kompilatoren, am wirksamsten wohl Gustav Schwab gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, sind, im Gegensatz zu den Autoren der klassischen Antike, so selbstverständlich vom rein mythischen Charakter der Heroengeschichten ausgegangen, und haben Übereinstimmungen zwischen Mythos und Geschichte so wenig erwartet, dass erste gegenteilige Belege, erbracht etwa von Heinrich Schliemann in Troja und Mykene oder von Arthur Evans in Knossos und später von Carl Blegen in Pylos/Messenien und von Jannis Sakellarakis in der Nekropole Fourni/Kreta, als überraschende und vielleicht sensationelle Übereinstimmungen in Teilbereichen verstanden wurden, ‑ und kein grundsätzliches Umdenken anregten.

 

Auch spätere Wissenschaftler, Kompilatoren und Publizisten haben kaum die Möglichkeit einer schriftlichen Kontinuität zwischen der mittelmykenischen Kultur und heute ernsthaft erwogen, ‑ oder sie bekämpften ein allfälliges Auftauchen derartiger Gedanken mit erstaunlichem Eigensinn, wie jener inzwischen längst verstorbene Nürnberger Universitätsprofessor Alfred Heubeck, der 1979 zwanzig geduldige Seiten lang auf die drei Ilias ‑ Verschen mit dem Bellerophontes – Brief, - 168 bis 170 im sechsten Gesang, - hindrosch,  weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

 

Derartige Haltungen sind wohl nichts anderes als Vorurteile, wohl hauptsächlich entstanden aus der Angst vor allfälliger Unterstellung von Unwissenschaftlichkeit. Trotzdem verwundern sie einigermaßen, sollten doch Alle, die sich mit der griechischen Mythologie beschäftigen, aus dem Staunen nicht herauskommen, wie wenig Widersprüche sich innerhalb der vielen klassisch­- antiken und besonders der vorklassisch‑ antiken Darstellungen jener zwölf oder dreizehn Generationen ergeben, die zwischen Io, die von Argos nach Ägypten zog, und Deukalion, der die Flut überlebte, einerseits liegen, und andererseits Deiphontes, der für die neue Herrschaft der dorischen Herakliden in Argos steht, und Kometes, der mit seinen Leuten vor den Herakliden ins kleinasiatische Ionien auswich.

 

Die Darstellungen dieser Generationen umfassen immerhin Genealogien von mehr als 2.500 Personen mit prominenten Namen.

 

Der Gedanke einer schriftlichen Kontinuität über die dunklen Jahrhunderte hinweg sollte künftig nicht von vornherein abgetan werden. Sie sei aufgrund der hier dargelegten Gedanken zwar nicht behauptet, oder gar als auf der Grundlage des heutigen Wissens als beweisbar angesehen. Plausibel wäre sie, im Gegensatz zur derzeit allgemein gültigen Theorie, in hohem Ausmaß.

 

Äußert sich nicht auch der Homer dazu ? Mit Interesse lesen wir die Ankündigung des Schiffskataloges im zweiten Gesang der Ilias, Verse 484 bis 492 in der altgriechischen Sprache: Die Musen sollen erzählen, da wir nur hören können und keinen Einblick haben. Der Homer könnte die Schar nicht benennen, hätte er auch zehn Kehlen, zehn Zungen und eine metallene Lunge.

 

Bei diesen Worten kann der Homer an nichts anders gedacht haben, als an das Aufzählen aller rund zweihunderttausend Menschen und deren Namen, die seiner Information am trojanischen Krieg teilgenommen haben. Mit zehn gleichzeitig redenden Mündern wäre es theoretisch möglich, alle diese Namen in dreißig bis vierzig Stunden zu nennen. Eine Person alleine bräuchte, mit den notwendigen Pausen, etwa einen Monat dazu.

 

Nachdem der Homer sein Publikum mit dieser, jedenfalls nicht ganz ernst gemeinten, Möglichkeit erschreckt hat, sagt er zur allgemeinen Erleichterung, dass die olympischen Musen ins Gedächtnis rufen, wie Viele vor Ilion kamen. Der Homer kann nun alle Schiffe und ihre Kommandanten nennen, - ­und er kann darauf verzichten, zweihunderttausend Namen aufzuzählen ! Das erleichterte Publikum braucht lediglich die 383 Verse des Schiffskataloges und der trojanischen Kontingente über sich ergehen zu lassen, was bloß eine halbe Stunde dauert.

 

Interessant ! ‑ Die, eher scherzhaft, ins Spiel gebrachte Variante, zweihunderttausend Namen aufzuzählen, würde laut dem Homer an Zunge und Kehle scheitern, an Stimme und Lunge, ­nicht jedoch am Gehirn ! Die Merkfähigkeit wäre kein den Problemen mit Stimme und Atem vergleichbares Problem. Warum ? Der Homer gibt gleich zweimal in zehn Versen Antwort auf diese Frage: Weil die Musen diese Dinge dem A‑iden ins Gedächtnis rufen. 

 

Wie, fragen wir uns weiter, machen das die Musen ? Einen Augen­blick lang mag eine Szene vor unserem geistigen Auge auftauchen, in der übernatürliche Mädchengestalten einem Dichter Worte und Sätze eingeben. Nur – aufgrund von Eingebung alleine mag vielleicht der eine oder andere Autor Romane geschrieben haben, ‑ dass der Homer auf eine derartige Weise Ilias und Odyssee geschrieben hätte, überfordert die Möglichkeiten menschlicher Phantasie und Kombinationsgabe bei weitem und ist nicht vorstellbar. Die Frage bleibt offen: Wie machen das die Musen, das mit dem ins Gedächtnis rufen ?

 

Wie wäre es, anzunehmen, die "Musen" täten es mittels der ihnen zugeordneten Schriftzeichen ? Es mag so gewesen sein, dass damals A‑iden ihrem Publikum eben so wenig ihre Technik verraten haben, wie heute die Illusionisten. Es mag so gewesen sein, dass diese Vorgangsweise der A‑iden Tradition hatte, ‑ dass sie nicht erst in der Zeit der Verwendung phönizischer Schriftzeichen entstanden ist, sondern, unter Verwendung alter Linear – B - oder zyprisch – minoisch - Texte, seit Jahrhunderten in Gebrauch war ? Die Wortwahl des griechischen Originals der Ilias ist durchaus geeignet, uns derartige Gedanken nahe zu legen.

 

Die Stelle klingt nur dann logisch und einleuchtend, wenn wir sie als Botschaft des A‑iden an sein Publikum verstehen, dass im Falle des Schiffskataloges nicht die bloße Meinung eines Dichters vorgetragen wird, sondern dass dazu Referenzen vorhanden sind. Welche genau, das möchte der A‑ide verschweigen. Es ist wohl Berufsgeheimnis. Die Leichtgläubigeren im Publikum sollen an übernatürliche Kontakte mit den olympischen Musen glauben. Die Skeptischeren werden schon in Erfahrung gebracht haben, worum es geht:  Um nur für Spezialisten lesbare uralte Schriften, verfasst in einer für den allgemeinen Gebrauch längst abgekommenen Silbenschrift. Jede Silbe sozusagen eine Botschaft der Musen, die die alten Namen und Ereignisse ins Gedächtnis ruft. In dieser Weise verstanden, kann es wirklich ohne die Musen  die Texte der alten Epen gar nicht geben !

 

In diesem Sinne könnte auch der erste Vers des ersten Gesanges der Ilias verstanden werden. Die Göttin, die vom Dichter zum Vortrag der Ilias aufgefordert wird, ist wohl die Musenmutter Mnemosyne, ‑ vielleicht auch deren für die Epik zuständige Tochter Kalliope. Der A‑ide stellt durch diese Worte seine Rolle seinem Publikum vor: er ist bloß der Vortragende, nicht der Dichter. Die Dichtung stammt nämlich von einem Autor, den der A‑ide gar nicht kennt, was in Anbetracht ihres Alters auch gar nicht anders sein kann. Daher muss die Göttin selbst für den Text gerade stehen.

 

Die Zeile ist im Grunde textkritisch zu verstehen. Der Homer hat die historische Glaubwürdigkeit der Ilias wohl selbst kaum weniger skeptisch betrachtet, als wir dies heute tun. Er hat sie, durch das Bezeichnen der Göttin als der Verantwortlichen, zu einer Frage des Glaubens gemacht.

 

 

 

Die Titanen – Schattenbilder eines Mythos ?

 

 

Die antiken Mythografen scheinen einhellig der Ansicht gewesen zu sein, dass die Göttinnen und Götter des klassischen und des  archaischen Griechenland  gewaltsam die Herrschaft an sich gerissen haben, und dass sie dabei ein vor ihnen herrschendes und mit ihnen durch verwandtschaftliche Beziehungen eng verbundenes Göttergeschlecht besiegen mussten: die Titanen. Diese Titanen waren jedoch auch nicht vom Anbeginn an der Macht, sondern erst nach dem Sieg über den Uranos, den Himmel, ihren Vater, der vorher bereits seine aufständischen anderen Kinder, die "Hundertarmigen", - die Hekatocheiren, -  und die "Rundäugigen", ‑ die Kyklopen, ‑ (angenommen, „-open“ kommt von „ωψ“) besiegen und gefangen setzen musste.

 

Wir stehen in der heutigen Zeit Glaubenslehren gegenüber, die sich in ihrer Struktur von der griechischen Mythologie so stark unterscheiden, dass dafür verschiedene Begriffe verwendet werden sollten. In diesem Sinne sollte der Begriff „Religion“, wie er für Christentum, Islam und Judentum steht, auf die griechische Mythologie nicht angewendet werden. Er könnte falsche Assoziationen auslösen.

 

Die Gestalten der griechischen Göttinnen und Götter haben ihre Bedeutung weniger als übernatürliche Wesen an sich. Sie sind jeweils zusammenfassender Ausdruck bestimmter typischer menschlicher Charaktere, typischer gesellschaftlicher Rollen und  typischer Lebensgeschichten. Aspekte des Lebens nach dem Tod sind im griechischen Mythos nicht von zentraler Bedeutung. Menschliches Leben nach dem Tode war bestenfalls „schattenhaft“ vorstellbar. Im Vordergrund stand immer die Projektion des „Typischen“ am jeweils Diesseitigem ins Jenseitige. Derartige Projektionen wurden dann als übernatürliche Wesenheiten und übernatürliche Dinge verstanden. Die so entstandenen Gestalten konnten dann auch Ziele von Anbetungen, Fürbitten und Opfern sein.

 

Ein Mythos, der auf derartigen Prinzipien beruht, erfindet Abläufe wie den zweimaligen Machtwechsel in der jenseitigen Welt wohl kaum aus dem Nichts. Jedenfalls gab es diesseitige geschichtliche Vorgänge und ganz besonders Umwälzungen, die die entsprechenden Vor­gänge und Umwälzungen im Götterhimmel nach sich zogen: die Mythografen sagen uns, indem sie erzählen, dass Götter andere Götter überwunden haben, dass sich die Gesellschaft  geändert hat, und dass nun andere Kräfte und Einflüsse maßgeblich sind, als vorher.

 

Wir sehen uns im Fall des griechischen Mythos einem historischen Anlass für die  aufgezeigten Veränderungen gegenüber, der zu den angesprochenen Veränderungen in einem Maße passt, dass er kaum Zweifel zulässt:

 

Protogriechen haben als indoeuropäische "Mykener" die Kultur der Altkreter, der "Minoer", übernommen, eine nicht – indoeuropäische Kultur. Dies dürfte zuerst friedlich begonnen haben, in der entscheidenden Phase gewaltsam gewesen sein, - denken wir nur an die brennenden Paläste in Kreta, - und wiederum friedlich zu Ende geführt worden sein, da sonst die erfolgreiche Übernahme nicht erklärbar wäre. Die erste friedliche Phase war dabei von altkretisch ‑ minoischer Herrschaft bestimmt, die zweite friedliche Phase von protogriechisch - mykenischer Herrschaft.

 

In der griechischen Mythologie scheint es das Grundprinzip zu geben, dass Mythen von Griechen zu handeln haben, und sonst womöglich von Niemand ! "Ausländer“, ‑ aus Sicht der Griechen, ‑ kommen nicht vor, oder nur dann, wenn es sich unter keinen Umständen vermeiden lässt, beim Lyder Tantalos etwa, beim trojanischen Königshaus, bei der wohl altkretischen Perseis, und bei der böotischen, aber trotzdem kaum griechisch vorstellbaren, Harmoneia.

 

Dieses Grundprinzip ist wohl nicht als eine Spielart der Ausländerfeindlichkeit zu verstehen, sondern als die Reaktion darauf, dass ein Ausländer mit jenem Element nie und nimmer aufwarten kann, das der Mythologie die gesellschaftliche Bedeutung verleiht: mit einer griechischen Genealogie, mit der weit zurück reichenden Darstellung von komplexen Verwandtschafts- Verhältnissen, die Familienverbände schaffen, Identitäten und politische Realitäten. Ein ausländischer Urahn ist dafür unbrauchbar und aus diesem Grund kaum wert, erwähnt zu werden. Ein ausländischer Gott ist ebenfalls kaum der Erwähnung wert, da er nie und nimmer die typischen Charaktere, die typischen gesellschaftlichen Rollen und die typischen Schicksale der Vorgriechen repräsentieren kann.

 

Der auf den ersten Blick griffbereit auf dem Tablett zu liegen scheinende Denkansatz: „Die Götter sind die Götter der Griechen, die Titanen sind die Götter der Altkreter“, ‑ dieser Denkansatz würde daher zu einem unrichtigen Ergebnis führen. Der Mythos der Altkreter per se hat in einer griechischen Geschichte ja nichts verloren. Die Titanen sind daher naturgemäß auch als Götter der Griechen zu betrachten, allerdings in einer Zeit, als die Altkreter noch geherrscht haben in Kreta, aber die Griechen bereits dort anwesend gewesen sind.

 

Wenn wir wissen wollen, wie sich die Idee der Titanen entwickelt haben könnte, müssen wir uns mit einer Erscheinung der indoeuropäischen Glaubenskultur beschäftigen: mit dem Hang zur Gleichsetzung. Wie leicht wurden römische Götter mit griechischen gleichgesetzt, römische mit keltischen, wie leicht übernahmen christliche Heilige mit ihren Kirchen die Plätze ihrer Vorgänger, egal, ob sie nun keltische, germanische, slawische oder römische Göttinnen und Götter gewesen sind.

 

Wenn wir zusätzlich wissen wollen, aus welchen konkreten Gleichsetzungen die Titanen entstanden sein könnten, so müssen wir aus dem Blickwinkel jener Vorgriechen, die gerade in Kreta die Herrschaft übernommen haben, die vorgriechische Vergangenheit betrachten:

 

Wir sehen dabei als erstes jene einfachen Menschen, die in den Weiten der Ukraine, Moldawiens und des Donaudeltas ihr Vieh hüteten. Sie waren im wahrsten Sinne Kinder der Gea und des Uranos, der Erde und des Himmels. Das Meer war uninteressant, ‑ etwas Fremdartiges im tiefen Süden ! Auch Berge waren im flachen Land nicht von Bedeutung. Der weite Himmel über der weiten Erde, ‑ das war es ! Und wenn aus unserer Sicht als protogriechische Herrscher Kretas, auch heute noch griechisch sprechende Menschen,  urwüchsige, mit urwüchsigen Dialekten, dort in der Ukraine ihr Vieh treiben sollten, dann sind sie auch heute noch die Kinder der Gea und des Uranos.

 

Wenn dieser Menschenschlag in der Vergangenheit mit den Altkretern und ihrer unglaublichen Kultur und ihrem unglaublichen Bedarf an Arbeitskräften zusammentraf, dann sah er im Vergleich minder aus: Barbaren gegen Kulturvolk, symbolisch ausgedrückt durch: Rundauge gegen Breitauge, oder, in griechischer Sprache (sofern von „ωψ, ωπός“, „Auge“, „Gesicht“ abzuleiten): Kyklops gegen Europs ! Die Kyklopen sind ja auch im Mythos die Kinder der Gea und des Uranos.

 

Was tat ein Altkreter, was tat aber auch ein kultivierter Vorgrieche in Kreta oder in kretischen Ägäis ‑ Siedlungen als aller erstes mit den barbarischen Verwandten? – Er ließ sie womöglich für sich arbeiten ! Und was ist das Symbol für ein derartiges Arbeiten lassen ? – Es gibt etwas, das tatsächlich hundert Arme hat, wie die „Hundertarmigen“, und zwar ganz genau hundert: Hundert Arme genau haben die Ruderer eines Pentekonters, der idealtypischen Galeere mit fünfzig Ruderern der alten Zeiten ! Jobs für ungelernte Barbaren, für Kinder des Uranos und der Gea, die nichts anderes gelernt haben ! Auch die „Hundert­armigen“ sind ja im Mythos Kinder der Gea und des Uranos.

 

Die Annahme der altkretischen Kultur machte, über Generationen hinweg, aus protogriechischen Wilden zivilisierte Menschen. Mit Uranos, Gea und ähnlichen Gestalten als Götter passte das aber nicht mehr zusammen. Was tun nun Indoeuropäer in der Regel in solchen Fällen ? - Sie sehen sich den Mythos des herrschenden Kulturvolkes an, - ­aber nicht um überzutreten, nein, um ihn zu interpretieren, um die Gestalten dieser Glaubenslehre mit den eigenen Vorstellungen gleichzusetzen ! Auf diese Art und Weise könnte der Titanen- Mythos  tatsächlich entstanden sein.

 

Wenn wir diesen Gedanken weiterverfolgen, stoßen wir auf ein weiteres "Standardelement" indoeuropäischer Auffassung des Übernatürlichen: Es ist dies die Menschenähnlichkeit oder gar Menschenhaftigkeit der Göttinnen und Götter: Übernatürliche Gestalten sehen nahezu immer aus, wie Menschen. Bei den Griechen äußert sich dies, wie gesagt, in der Auffassung der Göttinnen und Götter als zusammenfassende Ausdrücke typischer menschlicher Charaktere, gesellschaftlicher Rollen und Schicksale.

 

Wenn auch die altkretischen Göttergestalten unter Umständen von den Altkretern nicht menschenähnlich gedacht waren, ‑ aus protogriechischem Blickwinkel mussten sie wohl oder übel aussehen wie Menschen ! Natürlich war der so entstandene protogriechische Mythos von der führenden Rolle der Altkreter und von den vielen aus diesem Grund notwendigen Kompromissen des täglichen Lebens geprägt. Und ebenso hatte die Umwälzung auf der Erde daher auch die Umwälzung im Götterhimmel zur Folge: Die Götter besiegen die Titanen.

 

Es heißt, sie kommen daraufhin erstmals geschlossen zu einer Hochzeit von Menschen, zur Hochzeit von Harmoneia und Kadmos.

 

Sofern die Auswanderung des Kadmos aus dem Libanon, wie auch die Auswanderung seiner Mutter Telephassa, seiner Schwester Europa, seiner Brüder Phinix und Kilix, seines Cousins Ägyptos mit seinen fünfzig Söhnen und seines anderen Cousins Danaos mit seinen fünfzig Töchtern eine direkte Folge der ägyptischen Expansion und der damit verbundenen Eroberungskriege unter dem Pharao Thutmosis des Dritten gewesen ist, und sofern der Brand der kretischen Paläste den Übergang der Macht von den Titanen zu den Göttern anzeigt, können wir sogar geschichtliche Daten diesen Ereignissen zuordnen:

 

Es muss um 1420 vor Christus gewesen sein, entsprechend etwa der Helck´schen Datierung der ägyptischen Pharaonenfolge. Unter Annahme der längeren Variante der Regierungszeit der Pharao Haremhab würde sich 1444 vor Christus errechnen. Nach den älteren Annahmen, in der Regel Grundlage der Geschichtsbücher, hätten wir 1460 vor Christus anzusetzen.

 

Was an den Titanen können wir, wenn wir die protogriechische Brille nun wieder abnehmen, erkennen ? Ist es möglich, altkretische Schatten der protogriechischen Titanengestalten zu erkennen ? Gehen wir dieser Frage nach,  und beginnen wir bei Kronos selbst:

 

Aus griechischer Sicht sieht Kronos aus wie ein Mensch, und ist auch sonst wie ein Mensch geartet, - allerdings jedoch wie einer, der seine Kinder verschlingen und unversehrt wieder ausspeien kann. Für einen menschenähnlichen Gott wäre letzteres absurd. Wäre Kronos jedoch ursprünglich kein Mensch, sondern ein Berg gewesen, mit einer Höhle darin, und wäre er später von den Vorgriechen vermenschlicht worden, dann wäre die scheinbar aberwitzige Geschichte mit einem mal nicht mehr unlogisch.

 

Sehen wir uns als nächstes das Tltanenpaar Thetys und Okeanos an: „Mittelmeer“ und „Atlantik“ bedeuten wohl die Namen, - genau genommen anstelle von „Atlantik“ "Okeanosstrom um die Welt herum", und daher nicht nur „Atlantik“, sondern auch Indischer Ozean, Rotes Meer, Nordsee, Ostsee, und so weiter. Dreitausend Flüsse sind unter ihren Kindern.  Bei diesem Titanenpaar zeigt sich das nicht ‑ menschenähnliche Vorbild fast von selbst, ohne Notwendigkeit einer Erklärung. Es erscheint zudem fast als selbstverständlich, dass ein Seehandelsvolk die Meere mit mythischer Bedeutung ausgestattet hat.

 

Oder: Das Titanenpaar Theia und Hyperion: Er stellt die Sonne dar. Der Sonnen ‑ Titan Helios ist ihr Sohn. Die Mond Titanin Selene ist ihre Tochter. Ob nun "Theia", wie heute, "Tante" heißt, oder ob es "Göttin" bedeuten soll, oder doch etwas anderes, ist im Lichte der dargestellten eindeutigen Zuordbarkeit gleichgültig. Das nicht menschenähnliche Vorbild ist deutlich erkennbar. Dem Namen nach würde die Titanin Phoibe fast nach besser als Theia zu Hyperion passen. Ein Sonnenpaar, ‑ oder allenfalls ein Mond ‑ Sonne ‑ Paar erschiene in vielerlei Hinsicht für eine Götterrolle geeignet, ‑ sicher nicht jedoch aus dem Grund der Menschenähnlichkeit.

 

Rhea, des Kronos Gattin, wird meist als ähnlich der Gea, der Mutter Erde, angesehen. Wenn Kronos für Berg und Höhle gestanden sein sollte, dann wäre für Rhea das kultivierte Land übrig geblieben, jenes Land, das durch eine Art Erbregel oft mit den Frauen verbunden war, und über das hauptsächlich Frauen bestimmt haben. „Rhea“ wäre dann wohl auch für das Zentrum dieses Landes, für den Palast, gestanden.

 

Betrachten wir Themis und Iapetos, die Eltern des Prometheus: Themis steht nicht nur dem Namen nach für Ordnung und Gerechtigkeit. Sie wirkt nicht unähnlich gegenüber weit späteren, eher allegorischen Gestalten, wie der römischen Justitia. Sie steht für Prinzipien der Gesellschaft, nicht für deren Personen. Er, Iapetos, hat, ebenso wie Krios und Koios, noch am ehesten ausschließlich menschenähnliche Züge. „Iapetos“ bedeutet, soviel wir wissen, weder eine Naturerscheinung, noch ein abstraktes Prinzip. Vielleicht meinte Moses in der Genesis ihn mit "Iapheth", jenen Sohn Noahs, der die Indoeuropäer repräsentieren sollte. Er könnte dann, aus vorgriechischer Sicht, unter Umständen als "Mensch schlechthin" verstanden werden. Krios, von dessen Ehe mit seiner Halbschwester Eurybia berichtet wird, entzieht sich ebenfalls weitgehend einer Zuordnung, ebenso wie Koios, der als Gatte der Phoibe genannt wird.

 

Mnemosyne allerdings, die zwölfte Titanengestalt, die Musenmutter, das personifizierte Gedächtnis, zeigt sich umso mehr als Ausdruck eines abstrakten Prinzips, und nicht von vorn herein als menschenähnliche Wesenheit.

 

Der Hintergrund der Titanen der ersten Generation ist sichtbar geworden. Schattenhaft zeigen sich nicht menschenähnliche Vorbilder für mindestens acht der zwölf Titaninnen und Titanen. Sie lassen sich aber immerhin als Grundlage und Grundprinzip für die offensichtlich mühsam "vermenschlichten" Titanenbilder der Protogriechen erkennen.

 

Die gerechte Aufteilung der Titanen der ersten Generation nach Geschlechtern, ‑ sechs weibliche Titanen und sechs männliche, - zeigt, dass die Protogriechen die Wertigkeit von Frauen und Männern als eine gleichgewichtige verstanden haben, und dass sie diese Gleichgewichtigkeit in ihrer eigenen Variante der altkretischen Kultur auch übernommen haben, wie sie es später,  bei den Göttern,  in ähnlicher Weise vorgenommen haben.

 

Die Titaninnen und Titanen der zweiten Generation belegen die anhand ihrer Eltern gewonnenen Erkenntnisse: Von den dreitausend Flüssen, von Sonne und Mond und vom Atlas, ‑ ursprünglich wohl der Gebirgszug dieses Namens, ‑ war schon die Rede. Eos, die Morgenröte, gehört hier noch dazu, ihr Gatte Astraios, der Sohn der Sterne, Asteria, sein weibliches Gegenstück, die Personifikation der Insel Delos, und Nemesis, die Rache der Götter.

 

Allerdings gibt es unter den Titaninnen und Titanen der zweiten Generation auch einige, wenn auch wenige, Gestalten, die von Anfang an menschenähnlich erscheinen, und zwar in der selben Weise, wie die sechs Kinder von Rhea und Kronos, die später zu Göttern wurden, - nämlich Zeus, Hera, Demeter, Hestia, Poseidon und Hades. Diese Titanengestalten sind Leto, die Mutter von Artemis und Apollo, Metis, die Mutter Athenes, Prometheus, Epimetheus und die Musen. Wenn wir diese Gestalten, den diesbezüglichen Hinweisen der Mythologie folgend, den Göttern zuordnen, und nicht den Titanen, erscheint dies zulässig, ohne dass dadurch der dargestellte Grundgedanke in Zweifel zu ziehen wäre.

 

Die bisher angestellten Überlegungen legen es uns nahe, einen altkretisch ‑ minoischen Mythos anzunehmen, der auf vergöttlichten Naturerscheinungen beruhte, und dessen Grundzüge von den Protogriechen übernommen worden sind, - wobei die Gottheiten insoweit uminterpretiert wurden, als sie nunmehr menschenähnlich waren und das Leben der Menschen widerspiegelten. Die Protogriechen haben im Zug ihrer „Akulturation“ ihren ursprünglichen Gea ‑ Uranos ‑ Mythos zwar beibehalten, die bedeutenderen Götterrollen jedoch den Titaninnen und Titanen übertragen. Nach Übernahme der Macht in Kreta und im ägäischen Raum haben die Protogriechen in gleicher Weise den Titanenmythos beibehalten, die bedeutenderen Götterrollen jedoch einer nächsten Göttergeneration übertragen und sogar den Umsturz auf der Erde als Sieg der Götter über die Titanen in den Götterhimmel projeziert.

 

Diese Vorgangsweise der Protogriechen, nämlich die Projektion irdischer Gegebenheiten in den Götterhimmel, wird in vielen Entsprechungen deutlich. So wird etwa der Olymp von den Mythografen in der Regel so dargestellt, dass man in ihm die Projektion eines mykenisch ‑ kretischen Palastes in den Götterhimmel erkennen kann, mit all den vielfältigen Nutzungen, die die archäologischen Befunde hinsichtlich dieser Paläste auch tatsächlich ausweisen.

 

Um die dargestellten Überlegungen zu überprüfen, müssen wir naturgemäß auch die archäologischen Befunde bezüglich der noch vorhandenen Reste der Ausübung des altkretisch – minoischen Kultus einer Betrachtung unterziehen. Natürlich kann aus unserer heutigen Sicht mangels Lesbarkeit der Linear – A ‑ Schrift und der altkretischen Hieroglyphenschrift nicht eingeschätzt werden, ob jene Personen, die auf den Malereien, den Sigeln und den keramischen Gegenständen sowie in der Plastik dargestellt sind, nun im Einzelfall Götter oder Menschen sind. Wir müssen uns daher auf die Betrachtung der eindeutig sakralen Gegenstände und Anlagen beschränken, auf Dinge wie die Doppeläxte, die Stierhörner, die Bergheiligtümer, die heiligen Höhlen mit ihren Votivgaben und auf die hervorstechenden Rollen Augenmerk legen, die dabei Stieren und Schlangen zukommt, sowie offenbar auch dem Bauteil "Säule".

 

Diese Betrachtung scheint wohl den Gedanken zu bestätigen, dass der altkretisch - minoische Mythos  vergöttlichte Naturerscheinungen und vergöttlichte Prinzipien kannte, entweder neben menschenähnlichen Göttinnen und Göttern, oder anstelle dieser. Abstrakte Symbolik a la Doppelaxt und Stierhorn ist im archaischen und im klassischen Griechenland zwar ebenfalls bekannt, fungiert jedoch bestenfalls als Beiwerk zu menschlich dargestellten Gottheiten und tritt nie für sich alleine auf.

 

Als Ergebnis dieser Überlegungen mögen wir zur Erkenntnis gelangen, dass es nicht einen einzigen Titanenmythos gegeben hat, sondern deren zwei: Einen altkretisch ‑ minoischen einerseits und seine protogriechisch ‑ mykenische Abwandlung dazu andererseits. Beide Ausprägungen des Mythos sind nicht historisch dokumentiert, sondern müssen an Hand von Indizien erschlossen werden.

 

 Der Titanenmythos der Protogriechen lässt sich besser erschließen, da er im Göttermythos der klassischen, der archaischen und wahrscheinlich auch der späteren mykenischen Zeit als "Vorgeschichte" gleichsam enthalten ist, wenn auch in wahrscheinlich erheblich verfälschter Form.

 

Der Titanenmythos der minoischen Altkreter lässt sich lediglich aus jenen Schattenbildern erschließen, die als nicht protogriechische Elemente der protogriechischen Titanengestalten zu erkennen sind. Das Ergebnis einer solchen Schlussfolgerung lässt sich zwar nicht beweisen, sehr wohl jedoch aber an Hand der archäologisch festgestellten Reste altkretischer Kultausübung überprüfen.

 

 Während der protogriechische Titanenmythos dem späteren Göttermythos sehr ähnlich gewesen sein dürfte, ist vom altkretischen Titanenmythos anzunehmen, dass er, zumindest teilweise, von nicht ‑ menschenähnlichen Göttergestalten ausgegangen ist, die Naturerscheinungen wie Erde, Meer, Berg, Höhle, Gestirn und Tier zur Grundlage hatten und wahrscheinlich auch Abstraktionen wie Gedächtnis oder Ordnung. Einflüsse von anderen, damals aktuell gewesenen Vorstellungen des Überirdischen, insbesondere von Seiten des altägyptischen Glaubens, lassen sich nicht als prägende Elemente erkennen, wenn auch davon auszugehen ist, dass vorderasiatische und ägyptische Mythen zu jeder Zeit die griechischen und daher wohl auch die protogriechischen und die altkretischen Mythen beeinflusst haben.

 

 

 

 

Fabelwesen

 

 

Wenn wir den Gedanken zulassen, die griechischen Heroenmythen könnten so getreulich überliefert sein, sei es nun mündlich oder gar schriftlich, dass sie tatsächlich stattgefundene Begebnisse mit wirklich existiert habenden Personen wiedergeben, dann bleibt uns nichts über, wir müssen wir uns mit den Fabelwesen der griechischen Mythologie auseinandersetzen.

 

Da treten Kentauren auf, unten Pferd, oben Mensch, ein Minotauros als Mensch mit Stierkopf, Wesen mit Unterleibern von Riesenschlangen, das fliegende Pferd Pegasos, Kyklopen mit einem Aug auf der Stirn, Hekatocheiren mit hundert Armen, riesenhafte Giganten, Ungeheuer mit mehreren Köpfen, der Bronzemann Talos, der täglich dreimal Kreta umrundet und Amazonenvölker, bei denen nur die Frauen Krieg führen. Da sind Menschen bei den olympischen Göttern auf Besuch wie Tantalos und Ixion; - oder die Götter kommen zur Hochzeit auf Besuch, wie bei Harmoneia und Kadmos oder Thetis und Peleus. Schließlich hört man von einer ganzen Reihe von Menschen, die eine Gottheit als Elternteil haben, oder gar ein Götterpaar als Eltern.

 

Götter, denen man so einfach im täglichen Leben begegnen kann, sind etwas Ähnliches wie Fabelwesen. Die Götterbegegnungen sollen daher auch unter dem Überbegriff „Fabelwesen“ erörtert werden.

 

Sieht man, konfrontiert mit all dem Fabulösen in seiner Zusammenfassung in einem einzigen Absatz, nicht auf den ersten Blick, dass die griechische Mythologie eben nichts anderes ist, als eine Legendensammlung, ein Teil einer Glaubenslehre, und dass daher jede Ähnlichkeit mit geschichtlichen Personen und Begebnissen aus diesem Grunde nur Produkt eines Zufalls sein kann? Sind Schlüsse von den Mythen auf die Geschichte nicht aus diesem Grund von vornherein als unsinnig zu betrachten ?

 

Es bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich mit jedem einzelnen der bekannten Fabelwesen und mit jeder einzelnen der bedeutenden Begegnungen mit Göttern, die die griechische Mythologie kennt, auseinander zu setzen, und sich dabei immer zu fragen: Ist das erklärbar? ‑ und wie ist es erklärbar? 

 

Es geht dabei nicht darum, die jeweils richtige Erklärung zu finden, ‑ auch wenn dies möglich wäre, - sondern darum, ob es plausible Erklärungs- Möglichkeiten überhaupt gibt, die weder der Geschichte noch dem Mythos widersprechen.

 

Bevor wir damit beginnen können, müssen wir uns jedoch mit jenen beschäftigen, von denen wir die Mythen überliefert bekommen haben: mit den Dichtern und Vortragenden, den Rhapsoden und Sängern, den griechischen A‑iden, den Nachfolgern von Linos, dem Schreiber, von Orpheus, dem Superstar, von Eumolpos, dem singenden Politiker, von Demodokos, dem Blinden und von Phemios, dem Autodidakten.

 

 

 

 

Die mythische Zeitspanne

 

 

Die Mythen scheinen bereits in mykenischer Zeit kanonisch gewesen zu sein. Zumindest endet der von den Mythen erfasste Zeitraum innerhalb der mykenischen Zeit, und dieser Endpunkt wurde nachher nicht mehr verändert.

 

Die Heroenmythen beginnen zur Zeit der Io, des Deukalion und der Pyrrha. Die Eltern und Großeltern dieser Personen scheinen nicht mehr als Menschen auf oder haben zumindest mehr titanische als menschliche Züge. Die Mythen enden mit den dorisch – spartiatischen Enkeln des Temenos, des Herakliden, die den Orestes – Sohn Teisamenos als Herrscher von Argos ablösen, und mit der Auswanderung des Kometes und der anderen Orestes ‑ Enkel nach Kleinasien. Wir zählen vierzehn Generationen nach Io, Deukalion und Pyrrha.

 

Das Ende der Zeit der Heroenmythen ist wohl nicht später, als mit dem Beginn der geschicht­lichen Seevölker ‑ Kriege des dritten Ramses um 1180 vor Christus, jener Kriege, im Zuge derer unter anderem auch „Ahhijava“, Achaier, dem Hethiter – Reich den Garaus machten, anzusetzen. Die Seevölker ‑ Auseinandersetzung, die den ägyptischen Schreibern und ihren Auftraggebern die Schreibarbeit wert war, scheint in den griechischen Mythen gar nicht auf, - es sei denn indirekt im Auszug der Pelopo ‑ Tantaliden auf der Flucht vor den dorischen Kindern des Herakles von der Peloponnes nach Kleinasien, Rhodos und vielleicht, - vergeblicher Weise, - auch nach Ägypten,  sowie in der Art und Weise, wie in der Odyssee eine Geschichte über einen Seeräuberüberfall auf ägyptisches Gebiet erzählt wird.

 

Seevölkerkriege mögen den dritten Ramses und seine Schreiber beschäftigt haben, sie mögen sogar noch hethitische Schreiber beschäftigt haben, ‑ griechische und vorgriechische Dichter dürften der Ansicht gewesen sein, nach alter Tradition Kämpfe nur dann zu berücksichtigen, wenn sie zwischen Griechen und Griechen stattfinden, und Ausländer, Menschen ohne griechische Genealogie und Verwandtschaft, selbst dann nicht erwähnenswert zu finden,  wenn man einen Krieg gegen sie geführt und verloren hat.

 

Sei es, wie es sei, die Seevölker ‑ Auseinandersetzung zur Zeit des dritten Ramses muss für die spätmykenischen Griechen jedenfalls abenteuerlich gewesen sein, ‑ abenteuerlicher als manche andere, weiter zurückliegende Begebenheit, die sich als Epos ‑ würdig erwiesen hat. Trotzdem haben die A‑iden geschwiegen. Ihr Werk war abgeschlossen. Vielleicht legten der gesunkene Lebensstandard und die erlöschende Kultur das Beschäftigen mit der "guten alten Zeit" näher, als die Wiedergabe einer tristen Gegenwart, so abenteuerlich sie auch immer gewesen sein mag.

 

Es ist ersichtlich, dass die A‑iden sich mit einem klar abgegrenzten Zeitraum der Vergangenheit und mit seinen Personen zu beschäftigen hatten. Sie waren dabei, wegen des kanonischen Charakters der Erzählungen einerseits und wegen des Anspruches auf „geschichtliche“ Authentizität andererseits, zweifellos der getreuen Widergabe verpflichtet.

 

Innerhalb der heroischen Zeit selbst wird die Aufgabe der A‑iden wohl auch das Verarbeiten und Weitergeben damals aktueller Nachrichten gewesen sein, ‑ die Sängerszene bei den Phäaken in der Odyssee deutet darauf hin. Demodokos schildert ja gerade zehn Jahre zurückliegende Ereignisse, indem er die Begebenheiten rund um das hölzerne Pferd vorträgt. Der Aspekt der Aktualität ist wohl erst mit dem Ende der heroischen Zeit verloren gegangen. Vielleicht war die Ilias ursprünglich und in ihrer Urfassung nichts anderes als aktuelle danaische Kriegsberichterstattung, in epischer Form vorgetragen. Später verbreitete sie nur mehr die Nachricht, wie prächtig man in der alten Zeit gelebt hat und gerüstet war, und wie edel man es sich leisten konnte, zu sein.

 

Somit ist die Aufgabe, die sich den A‑iden stellte, beschrieben. Um festzustellen, wie sie sich der Aufgabe stellten, worum es ihnen vornehmlich gegangen ist, und was ihnen wichtig war, ist als nächstes die Frage zu stellen, wem gegenüber die A‑iden verpflichtet waren.

 

 

Das Publikum der alten Vortragenden

 

 

In jedem Falle müssen die A‑iden ihrem Publikum verpflichtet gewesen sein. In allen Mythen, in denen A‑iden vorkommen, tragen sie vor Publikum vor. Publikum muss  daher im Regelfall vorhanden gewesen sein. Es sind dazu mehr oder weniger unterschiedliche Gegebenheiten, was A-iden und ihr Publikum betrifft, in den Heroenmythen dargestellt:

 

Orpheus, der Argonaut, erscheint als fahrender oder Expeditions – ­Sänger. Er singt nicht nur für die Argonauten selbst, sondern auch für ihre jeweiligen Gastgeber an fremden Küsten, und weiters zumindest auch für den mit Sicherheit nicht kleinen Kreis jener Personen, die zu den jeweiligen Anlässen eingeladen waren. 

 

Demodokos, der Hofsänger der Phäaken, ist dagegen stationär und trägt den Gästen des Herrscherpaares vor, ebenso wie Phemios am Hof von Ithaka.

 

Mit Eumolpos ist der Sänger nicht ein beauftragter Dienstleister, sondern der Politiker selbst.

 

Linos, der schreibende A‑ide, hatte nicht nur Zuhörer, sondern auch Leser, ‑ diese allerdings wegen der unpraktikablen Linear – B ‑ Schrift wohl ausschließlich nur aus dem Kreis der A‑iden selbst, - und Schüler, wie etwa den Orpheus, - so wie auch Eumolpos Schüler hatte, etwa den Herakles.

 

Außer dem Publikum als „breitem“ Publikum waren die A‑iden wohl häufig, wie Demodokos und Phemios, der Auftrag- gebenden Familie verpflichtet, und somit in vielen Fällen der örtlichen politischen Macht.

 

Veränderungen an den Werken, sofern sie absichtliche Veränderungen waren und nicht bloß Übertragungsfehler, sind entsprechend dem bisher gesagten aus zwei Gründen vorstellbar: Aus politischer Opportunität einerseits und aus Gefälligkeit gegenüber dem breiten Publikum andererseits.

 

 

 

 

Manipulation und ihre Grenzen

 

 

Die politische Opportunität hatte zum Ziel, die örtliche Adelsfamilie, ihre Verwandtschaft und ihre Vorfahren möglichst herauszustreichen. Womöglich sollen Familienmitglieder vor Troja und vor Theben heroisch gekämpft haben. Es sollen welche unter den Argonauten gewesen sein, an der kalydonischen Eberjagd teilgenommen haben und den Herakles auf wenigstens einer seiner großen Expeditionen, ‑ zur Hesperideninsel, nach Cadiz und ins Amazonenland am schwarzen Meer, ‑ begleitet haben. Womöglich sollten Herrschaftsansprüche der Familie gleichsam "geschichtlich'' belegt werden.

 

Die wirksamsten Werk ‑ Veränderer aus politischer Opportunität dürfte es in Athen gegeben haben. Die Werke suggerieren eine Bedeutung Athens in mittelmykenischer Zeit, die die Stadt gar nicht hatte. Der Krieg gegen Knossos, jener gegen die Amazonen, die Taten des Theseus! Hier hat weit spätere politische Macht sichtbare vergrößernde Spuren hinterlassen.

 

Wichtiger, als die Erkenntnis einzelner Manipulationen ist die Erkenntnis, dass der Manipulation Grenzen gesetzt sind: Trotz aller späteren Macht war es den Athener A‑iden nie möglich, ihrer Stadt Führungsrollen vor Troja zukommen zu lassen, obwohl gerade eine derartige Manipulation der Stadt und ihren Ansprüchen am meisten geholfen hätte. Diese Erkenntnis stärkt das Vertrauen in die alten Mythen.

 

Die Gefälligkeit gegenüber dem breiten Publikum hat auf zwei Ebenen Auswirkungen:

 

Zum einen soll Jede und Jeder im Publikum, - zumindest aber jede Griechin und jeder Grieche, - einen persönlichen Bezug vorfinden, und aufgrund dieses Bezuges hervorgehoben werden, keinesfalls jedoch gekränkt, zurückgesetzt oder gar beleidigt. Die Akteure der geschilderten Begebenheiten sollen daher womöglich aus allen Teilen der griechischen Welt kommen, und alle sollen Heldinnen und Helden sein.

 

Ist das Vorkommen eines griechischen Feiglings oder eines griechischen Verräters unvermeidlich, so ist immer für ausgewogenes Gegengewicht an besonderen Heroen aus dem selben Eck der griechischen Genealogie zu sorgen. Die diesbezüg­liche Optimierung der großen zyklischen Geschichten erscheint aus heutiger Sicht nicht nur als gelungen, sondern als in fast unbegreiflicher Weise gelungen. Dies kann nur darin begründet sein, dass die A‑iden in diesem Punkt, -   ebenso, wie im Folgenden, - aus jeweiligem Eigeninteresse einander ergänzten und dadurch gleichsam „miteinander“ arbeiteten. Die Idee eines A‑iden wurde, wenn sie zweckentsprechend war, vom nächsten aufgegriffen, egal, für welche Familie er arbeitete.

 

Durch diese Art der Manipulation wurden zwar die Geschichten in ihrem Ablauf nicht verändert, sie wurden aber "übervölkert“: Vielleicht waren doch nicht alle von denen, die die Mythe nennt, vor Troja und auf der Argo !

 

Zum zweiten soll der Vortrag jedes A‑iden seinem Publikum noch besser gefallen, als alles, was bisher je zu hören war: Die Riesen werden daher von Vortrag zu Vortrag immer größer, die schöne Helena wird immer schöner, die Köpfe der Hydra werden immer mehr, die Morde der Atriden steigern sich in ihrer Grausamkeit. Elemente, die nicht zur Spannung und nicht zur Identifikation beitragen, geraten in Gefahr, trotz aller Kanonisierung weggelassen zu werden. Dieses Schicksal erfuhren zum Beispiel wohl alle militärtaktischen Textstücke der Ilias. Heute ist nichts, ‑ ich nehme an, nichts mehr, ‑ davon erhalten.

 

Als besonderer Aspekt der Gefälligkeit gegenüber dem Publikum sei die Verständlichkeit angesprochen: Wegen des allgemeinen Verfalls der Kultur, und ihrer späteren Weiterentwicklung und Veränderung, wegen des Zusammenbruches des  Wohlstandes und seinem späteren Wiederaufkeimen, wurden kulturelle Elemente und Kulturgüter, die es nicht mehr gab, für die A‑iden und für ihr Publikum in gleichem Maße unverständlich. Dies betrifft, beispielhaft genannt, die gesellschaftlichen Rollen der Frauen genau so, wie die Metallbearbeitung, die Moden der Bekleidung genau so, wie keramische Produkte, letztendlich die politischen Verhältnisse insgesamt und auch die Details des Kultes.

 

Besonderheiten, die von allgemeinen Interesse waren, wie etwa der Schild des Achilles oder die Mauern von Troja, waren davon naturgemäß weit weniger betroffen, als alltägliche Kleinigkeiten.

 

Auch wenn den A‑iden der originale Wortlaut mancher Texte bekannt war, wäre es nur zu verständlich, wenn der eine oder der andere A‑ide ihn trotzdem "modernisiert" hätte. Die bekannte "Kulturmischung" in den Epen, das bunte Nebeneinander mykenischer und archaischer Acessoirs, findet dadurch eine logisch schlüssige Erklärung.

 

Die Annahme, das eine oder andere Werk müsse deshalb notwendiger Weise aus Texten verschiedener Zeiten gleichsam "zusammengestoppelt" sein, offenbart sich somit als Trugschluss. Das bloße Eigeninteresse der A‑iden gegenüber ihrem Publikum reicht für diesen Punkt als Erklärung hinreichend aus.

 

Zur Verständlichkeit gehört auch die Kompetenz der einzelnen A‑iden, Fragen nach den komplexen Verwandtschafts- Verhältnissen der Heroinnen und Heroen und nach den über Jahrhunderte hinweg reichenden Generationenfolgen beantworten zu können.

 

Was geschah, wenn ein A‑ide auf eine Frage keine Antwort wusste ? Warum zum Beispiel zwischen Libya und Perseus sechs Generationen liegen, zwischen der selben Libya, und des Perseus Ehefrau Andromeda ­jedoch nur zwei Generationen?

 

Gab es nicht vielleicht eine Tendenz, durch eigene Kombinationen auf plausible Art Widersprüche zu glätten und Wissenslücken zu füllen? Gab es einen Hang zur Vollständigkeit, wie er bei den bekannten neuzeitlichen Kompilatoren, von Schwab über Rose bis Kerenyi und Graves, anzutreffen ist? Und verführte ein derartiger Hang nicht geradezu, eine plausible Möglichkeit als Wahrheit auszugeben, auch wenn man es ganz genau gar nicht wusste?  Ohne ausgeprägtem Hang zur Vollständigkeit, zum Schließen aller Informations‑ und Wissenslücken, wäre das gewaltige Gebäude von über vierzehn Generationen hinweg reichenden Genealogien, die tausende Namen umfassen, nicht auf uns gekommen.

 

Die Nachteile, dass nämlich die eine oder andere Person einer Generationenfolge gar nicht überliefert, sondern erschlossen wurde, und daher an der jeweiligen Stelle fälschlich vorkommt, müssen wir in Kauf nehmen. Genau so müssen wir in Kauf nehmen, dass manchmal Fehler eines A-iden von den anderen nicht korrigiert, sondern sogar übernommen worden sind.

 

Was Übertragungsfehler betrifft, so ist zu vermerken, dass solche Fehler notwendiger Weise bei jenen Texten besonders häufig sein müssen, die vom A‑iden nicht besonders wichtig genommen werden. Es sind jene, die weder für die Identifikation, noch für die Gefälligkeit, noch für die politische Opportunität wichtig sind, und trotzdem nicht weggelassen werden können, etwa, weil sie für den Fortgang der Handlung im logischen Zusammenhang notwendig sind, oder, weil sie das Publikum aus kanonischen Gründen oder aus Gründen der Tradition erwartet. Unglücklicherweise betrifft die erhöhte Wahrscheinlichkeit der Veränderung von Werksteilen durch Übertragungsfehler gerade jene Teile, die vor absichtlicher Veränderung relativ sicher wären.

 

Nicht zu vernachlässigen ist die Tendenz zur Korrektur von Fehlern und Veränderungen, die durch einzelne A‑iden entstanden sind. Derartige Fehler muss es ja, schon aufgrund der Vielzahl der A-iden, gegeben haben. Wir können von der diesbezüglichen reinigenden Wirkung ausgehen. Wir kennen aber auch die Ausnahmen, wo diese reinigende Wirkung nicht eingetreten sein kann: Korrekturen wird es dort wohl nicht gegeben haben, wo das gemeinsame Interesse aller A‑iden, sozusagen das Interesse der a‑idischen Berufsgruppe, die "Reinigung" verhindert hat.

 

Dies muss, entsprechend dem Gesagten, bei zwei ganz bestimmten Arten der Veränderung eingetreten sein: Bei Veränderungen, die der gleichmäßigeren Verteilung des Heroischen auf die Stämme und Familien der Griechen dienten, wodurch etwa eine "Übervölkerung" von Argonautenfahrt, kalydonischer Eberjagd und trojanischem Krieg vermutet werden kann, - und, zum zweiten, bei Veränderungen, die dem Extremisieren des Erzählten dienten. Dadurch "wuchsen", wie gesagt, Giganten, Kyklopen und sonstige Riesen, vermehrten sich die Köpfe der Ungeheuer, und war alles an Extremisierung zulässig, sofern es nur beim Publikum entsprechend ankam. Letztere Erkenntnis ist der Einstieg zur Beantwortung der Fragen nach den vielen fabulösen Elementen der Mythen.

 

 

 

 

Die Kentauren

 

 

Von allen Fabeln der griechischen Mythologie ist jene von der Existenz der Kentauren, von Wesen, die zwar wie Menschen sprechen, denken und fühlen, jedoch anstelle eines menschlichen Unterleibs und menschlicher Beine über Körper und Beine eines Pferdes verfügen, am heikelsten zu erklären.

 

Die Kentauren, besonders der weise Chiron, der gastfreundliche Pholos und der hinterhältige Nessos, nehmen hervorragende Rollen im Mythos ein. Sie begleiten die Geschichten des Herakles, des Theseus, des Peleus, der Kyrene, des Jason, des Aiolos, des Asklepios, des Sohnes der Medea Medios ‑ und vieler anderer. Bei Chiron in die Schule gegangen zu sein, war etwas ganz besonderes, des großen Arztes Asklepios genau so würdig, wie des Jason, des Achilles und des Äneas.

 

Die Kentauren sind eng mit einem ganz bestimmten Landstrich in Griechenland verbunden. Es ist dies das Land der Lapithen, die thessalische Prefektur Magnesia, die Gegend um die heutige große Hafenstadt Volos und um das „Jolkos“ der alten Zeiten, insbesondere die Pelion – Halbinsel, neugriechisch „Pilio“ genannt, mit ihrem hohen, waldreichen Gebirgszug gleichen Namens, dem Berg Pelion. Bereits der Homer schreibt von den Kentauren in Ilias und Odyssee, - er erwähnt allerdings nichts von Pferde – Unterleibern und scheint sie deshalb auch noch nicht als Sonderfälle gegenüber dem menschlichen Normalwuchs angesehen zu haben.

 

An zwei der drei Hochzeiten von Menschenpaaren, bei denen die olympischen Göttinnen und Götter zu Gast waren, haben auch die Kentauren teilgenommen: An der Hochzeit von Thetis und Peleus und an jener von Hippodameia und Perithoos.

 

Ihr geheimes medizinisch - chemisches Wissen und Ihre prophetische Gabe hebt sie in einer Reihe von Mythen hervor.

 

Man muss die Bedeutung der Kentauren für den Mythos anerkennen und sich daher umso ernsthafter mit der Erklärung des Fabelmäßigen an ihnen befassen.

 

Die Kentauren sind männlichen Geschlechtes. Kennt die Mythe überhaupt eine Kentaurin ? Dem Verfasser ist keine bekannt. Immerhin zeigt sich jedoch die Chiron – Tochter Thea unter dem Namen Euippe in Pferdegestalt und desgleichen deren Tochter Arne als Melanippe.

 

Die Kentauren treten immer zusammen mit Höhlen auf und sie wohnen vornehmlich in Höhlen. Sie sprechen zweifellos Griechisch, - von Verständigungs- Problemen ist nie die Rede, - und sie haben auch griechische Genealogien, die ‑ ein Pilio -  typischer Fall in der Mythologie, - rein patrilinear aufgebaut sind. Der lapithische Königssohn Ixion hat mit der „pseudo – Hera“ Nephele den Sohn Kentauros, der in sodomistischer Art Stuten schwängert, von denen, so die Mythe, die Kentauren auf die Welt gebracht wurden. In einer Variante der Geschichte gilt der Lapithe Koranos als der Vater des Kentauren Chiron. In der Ilias ist es Kronos.

 

Kentauren trinken den Wein im Gegensatz zu den kultivierteren Vorgriechen pur, nicht mit Wasser vermischt, und bekommen davon furchtbare Räusche. Sie werden als ''wild'' und als ''zottig'' beschrieben, als immer bereit zu einer Rauferei.

 

Die Kentauren drangen, andere Lapithen verfolgend, in die Peloponnes ein, mitten ins küstenferne Land, nach Pholo‑e in Elis, neugriechisch Ilia, an der Grenze zu Arkadien. In Malea, wohl dem arkadischen und nicht dem lakonischen, gab es Kentauren, auch am Helikon in Böotien. Sie kamen bis nach Sizilien, obwohl die Seefahrt  in der Regel nicht  ihr Fall war.

 

Die Bedeutung, die die Kentauren im Mythos erlangt haben, hängt wohl hauptsächlich mit folgenden zweien ihrer kennzeichnenden Eigenschaften zusammen:

 

Zum einen wird mit den Kentauren das Männliche in der wesentlich, wenn nicht da und dort sogar vorwiegend, von den Rollen der Frauen geprägten, mythischen Zeit betont. Wir können uns vorstellen, dass Männer mit patriarchalischem Gedankengut die mythische Vorstellung von patriarchalischen Magnesiern nicht haben missen wollen, schon gar nicht die Vorstellung von den ausschließlich männlichen Kentauren, die noch viel deutlicher als die Garganeser Gegenstück zu den ausschließlich weiblich vorgestellten Amazonen waren.

 

Männern in archaischer und klassischer Zeit muss die Kentauren ‑ Mythe als eine der seltenen Bestätigungen ihres Selbstverständnisses durch den Mythos vorgekommen sein. Die Kentauren leben nicht, wie die meisten Menschen der mythischen Epoche und wie daher auch die Götter, in einer oft weiblich dominierten Gesellschaft; - nein, ‑ sie benötigen die Frauen nicht einmal, ‑ und sind trotzdem und trotz aller urtümlichen Wildheit Lieblinge der Musen, wie der Kentaur Krotos, oder über alle Maßen weise, wie der Kentaur Chiron, der darin sogar der stets weiblich dargestellten Verkörperung der Weisheit, der Athena, Konkurrenz macht.

 

Zum anderen erfolgt gerade mit den Kentauren eine Hervorhebung des ursprünglich­ Griechischen in einer überwiegend von der nicht ‑ griechischen Kultur des alten Kreta geprägten Epoche. Das ursprünglich Griechische an den Kentauren zeigt sich an einer ganzen Vielfalt von Aspekten:

 

Da ist die Ansiedlung im Norden der zivilisierten Welt, am Berg Pelion, wo die Vorgriechen auf ihrem Weg nach Griechenland vorbei mussten, und von wo man in den Zentren Kretas und des Peloponnes wusste, dass dahinter, in Thrakien und darüber hinaus, noch ursprünglichere und noch wildere Menschen vorgriechischer Herkunft wohnten.

 

Da ist des Weiteren die Fortbewegung auf Pferdehufen, - und nicht zur See. Das mag an alte Zeiten erinnert haben, als Vorgriechen des Meeres erst gewohnt werden mussten, an Zeiten, in denen sie den ihnen neuen Haifisch als „Galeos“ bezeichneten, was eine männliche Form des Wortes „Gale-i“ ist, das sowohl „Marder“ als auch „Wiesel“ bedeutet hat. Alles, was über den bloßen Transport per Eselsrücken hinaus reichte, war ja Angelegenheit der, - ursprünglich ungriechischen, - Seefahrt geworden, sowohl in der mythischen Epoche, als auch in geschichtlicher kretisch – mykenischer Zeit.

 

Da ist darüber hinaus das Bewohnen von Höhlen, Relikt aus einer Zeit, in der die Vorgriechen von der mediterranen Kunst des Hausbaues noch nichts wussten. Da sind die zottigen Felle, oder zumindest die zottige Kleidung. Da ist das wild ‑ Barbarische im Verhalten. Da ist das Betreiben der Jagd als Mann und nicht, wie die Gestalten der Göttin Artemis, ihrer Nymphen, der Kyrene und der Prokris es zeigen, als Frau, - oder zumin­dest, wie die Geschichte der Atalante und der kalydonischen Jagd es demonstrieren, in Kooperation der Geschlechter. Und da ist das Wissen um Natur ‑ Chemikalien, wie etwa die Naturheilmittel der Asklepios - Medizin, wie Pfeilgift, und wie die verbrennende Nessos – Tinktur, bekannt durch die tödliche Präparierung von des Herakles Unterbekleidung.

 

Aus diesen Betrachtungen entsteht ein Kentauren ‑ Bild, das des Wunderbaren nicht mehr bedarf: Die Kentauren sind Laphiten vom Pelion ‑ Massiv im thessalischen Magnesia, ‑ nicht jene aus der Ebene des heutigen Volos und der alten Ansiedlungen von Jolkos, Sesklo, und Dimini, sondern jene vom rauen Gebirge, von dort, wo heute im Winter das Schizentrum von „Agriolefkes“ an der Passhöhe von „Chania“ betrieben wird. Es sind jene berglerisch ‑ zottig gekleideten Menschen, die gut reiten können, die ihr Leben auf dem Rücken der Pferde verbringen, die gleichsam mit den Pferden verwachsen sind.

 

Ihre vorwiegende Aufgabe ist wohl die Jagd. Gut vorstellbar, dass eine weitere ihrer Aufgaben auch der Fernhandel zu Lande ist, das Begleiten von Handelsexpeditionen, besonders das Treiben von Rindern aus dem Donauraum und der Ukraine nach Griechenland. Daher mag der "tauros", der Stier, in ihrem Namen kommen.

 

Wie die nordamerikanischen Cowboys, denen sie in Wesen und Aussehen ähnlich gewesen sein müssen, haben sie eine eigene und eigenartige Kultur entwickelt, eine maskulin betonte Jäger- und Tramperkultur, urtümlich trotz aller Modernität im medizinisch ‑ chemischen Bereich.

 

Ebenso, wie man heute einen Cowboy an Kleidung und Gehaben als Cowboy erkennen kann, auch wenn er gerade keine Rinder über die Prärie treibt, so wird man in mykenischer Zeit einen Kentaur als Kentaur erkannt haben. Als es in nach ‑ mykenischer Zeit keine Kentauren mehr gab, war es für die A‑iden jedenfalls gar nicht leicht, ihrem Publikum das Kentaurische an den Kentauren zu vermitteln.

 

Leichter taten sie sich, wenn die Kentauren nicht nur in übertragenem Sinn mit ihren Pferden verwachsen waren, sondern ganz handfest ‑ faktisch. Dadurch waren Ver­wechslungen ausgeschlossen. Das Extreme, das Ausgefallene, das Wunderbare an den in dieser Weise dargestellten Wesen machte die Mythen interessanter, ohne dass sie in ihrem Gang und in den Personen ihrer Handlung verändert werden mussten.

 

Wir können daher ohne Weiteres an einen Chiron glauben, zwar ohne dem Unterkörper eines Pferdes, aber doch in einer auf Fellen aufgebauten Tracht, meist hoch zu Ross, sich gern ungehobelt gebend, aber sehr gebildet.

 

Er wird wahrscheinlich nicht wirklich der Lehrer aller jener gewesen sein, von denen das die A‑iden behauptet haben. Die A‑iden haben wohl mangels näherem Wissen ihrem jeweiligen Haupthelden den bestmöglichen Lehrer zugedacht und sind dabei auf den Chiron verfallen.

 

Der Lehrer des Asklepios kann er gut und gern gewesen sein: Der Ruf der nordgriechischen Naturmedizin dürfte in der mykenisch ‑ kretischen Zeit nicht unbedeutend gewesen sein. Dies spürt man schon daran, dass der Arzt schlechthin, dass Asklepios, mit Kreta nichts zu tun hat, und dass allseits bekannte Persönlichkeiten der wissenschaftlichen Prominenz, oftmals, wie etwa Melampos und Aristaios,  magnesische Vorfahren hatten. Auch die Altkreter mögen daher die Asklepios ‑ Medizin anerkannt haben und daher auch das Wissen der wilden Kentauren.

 

Wir können an Cowboy ‑ artige Kentauren glauben, die in den Wäldern des Pelion jagen, die aber auch Rinder nach Griechenland treiben, die um Bernstein in den Norden reiten und vielleicht auch um Gold in die Alpen. Wir brauchen nicht an ihrer Identität zu zweifeln, an dieser Identität als fernfahrerartig männlich ‑ brutaler, aber auch kollegialer, hilfsbereiter und lebensweiser Menschenschlag, in seiner berglerisch dicken Zottelkleidung.

 

 

 

 

 

Der Minotauros

 

 

Der kannibalische Mann mit dem Stierkopf hat noch heute, 3400 Jahre nach der Zeit, in die er hineingedacht wurde, einen extrem hohen Bekanntheitsgrad. Alle heutigen "Prominenten“ könnten ihn darum beneiden. Wer kennt den Minotauros denn nicht?

 

Sein absonderliches Aussehen wurde mit sodomitischen Praktiken der kretischen Königin „Pasiphae“ mit einem Stier erklärt. Er galt als Missgeburt und wurde deshalb im Labyrinth versteckt und gefangen gehalten. Er wurde „Asterios“ genannt, wie der Ziehvater des Gatten seiner Mutter. Schließlich hat ihn der athenische Königssohn Theseus mit Zustimmung des kretischen Herrschers Minos, ihm gegenüber zu treten, getötet. Er mag zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt geworden sein.

 

Die Geschichte der Kreta ‑ Fahrt des Theseus ist eine Geschichte, die fast nur aus dem Blickwinkel der Athener, besonders aus dem des Theseus, überliefert ist, - und nicht aus dem Blickwinkel von Kretern, etwa aus dem des Minos. Die Personen der Handlung tauchen auf, sowie sie mit Theseus und mit der athenischen Expedition in Kontakt kommen, und verschwinden wieder, wenn Theseus nicht mehr dabei ist.

 

Jene Geschehnisse, die Theseus nicht selbst miterlebte, begeben sich alle nicht parallel zu seinem Besuch, sondern erst nach seiner Abreise nach Athen, etwa die Gefangennahme des Daidalos und dessen Ausbruch per Fluggerät, sowie die Hochzeit zwischen Ariadne und Dionysos. Es handelt sich dabei um Ereignisse, von denen man jedenfalls auch auf dem Festland, auch in Athen, Nachricht bekam und sie daher der Geschichte problemlos beifügen konnte.

 

Die Mythe mit dem Minotauros erweist sich somit als festländisch ‑ athenische und nicht als kretische, ebenso wie etwa die Mythe vom trojanischen Krieg eine danaisch ‑ argivische ist, und keine trojanisch – phrygische  und die vom goldenen Flies eine thessalisch ‑ magnesische und keine kolchisch ‑ georgische. Möglich, dass es auch kretische Versionen der Mythe gegeben hat. Allerdings schreibt noch Plutarch, die Kreter bestritten, dass der Minotauros je existiert habe.

 

Die Mythe der Kreta ‑ Fahrt des Theseus entbehrt in vielen Details der inneren Logik. Sie  warf deshalb bereits für die klassisch ‑ antiken Autoren viele Fragen auf.

 

Die Ungereimtheiten beginnen bereits bei der Ausgangslage für alle geschilderten Ereignisse, die ein Krieg zwischen Kreta und Athen gewesen sein soll.

 

Kreta war damals der unbestrittene Mittelpunkt der gesamten protogriechischen Welt und der kretisch ‑ mykenischen Kultur. Es sollte noch viele Jahre dauern, bis Kreta die vorherrschende Stellung an die Argolis, an Mykene, verliert.

 

Athen war in beiden Epochen, in der kretischen wie der mykenischen, von geringer Bedeutung, mehr Außenposten als Zentrum.

 

Ein Krieg setzt halbwegs gleichwertige Gegner voraus. Die Idee eines Krieges zwischen Kreta und Athen ist ebenso abwegig, wie es heute die Idee eines Krieges zwischen Österreich und St. Pölten wäre. Es mag in Athen Proteste gegeben haben, vielleicht einen Aufstand, vielleicht separatistische Tendenzen. Die Hilfe der Götter mit dem Beben der athenischen Erde wird Minos nur in den Augen späterer Athener Autoren nötig gehabt haben, zu einer Zeit, in der man sich im mächtig gewordenen Athen für seine bescheidene Vergangenheit geschämt haben mag.

 

Die sieben Burschen und sieben Mädchen Athens, die alle neun Jahre nach Kreta mussten, sei es als Opfer, als Geiseln, als Sklaven oder gar nur zur Ausbildung, die erscheinen gegenüber einem unbotmäßigen Ort in der Nähe von wichtigen Handelsniederlassungen zweckmäßig und daher logisch erklärbar. Ebenso einfach und logisch erklärbar ist die Reise des athenischen Herrschersohnes nach Kreta, mit dem Ziel, die drückenden Verpflichtungen los zu werden.

 

Was nun folgt, ist nun wieder ganz und gar nicht einfach und logisch erklärbar; - ganz im Gegenteil, es wirkt wirr. Einzelne, plakative Ereignisse folgen einander:

 

Das Tauchen des Theseus nach einem von Minos ins Meer geworfenen Ring.

 

Die Aufgabe des Theseus, aus dem Labyrinth wieder heraus zu finden, die er mittels des Fadenknäuels das Daidalos, organisiert und überbracht von Ariadne, löst.

 

Der Kampf mit dem Minotaurus im Labyrinth.

 

Die Flucht der Athener in der Nacht, in Begleitung der Ariadne.

 

Das Zurücklassen der Ariadne auf der Insel Dia, wo später dann der Dionysos eintreffen sollte.

 

Das schwarze Segel im saronnischen Golf, vor Athen, wegen dessen sich der Herrscher Aigeus ins Meer stürzt.

 

Die Gefangennahme des Daidalos und seines Sohnes Ikaros, aus der die beiden dann mit Hilfe von Fluggeräten ausbrechen sollten.

 

Eine Reihe von Fragen drängt sich auf: Waren die Athener nun Gäste oder Gefangene in Kreta? Es entsteht der Eindruck, sie hätten über Bewegungsfreiheit verfügt, seien aber ständig unter der Aufsicht von Bewachern gestanden. Warum der Aufwand der Kreter? Mit weit weniger Aufwand hätten sie die Athener gefangen halten können, unabhängig, ob sie nun Opfer oder Geiseln waren.

 

Warum muss sich Theseus Prüfungen unterziehen? Warum muss er nach dem Ring tauchen, dem Minotauros gegenübertreten und aus dem Labyrinth heraus finden? Wieso lässt Theseus die Ariadne auf Dia zurück ? Und warum stürzt sich Theseus Vater Aigeus ins Meer, als er das Schiff mit geschwärztem Segel zurückkehren sieht und vermeint, Theseus sei tot ? Der vermutete Tod des Sohnes mag Grund für Trauer sein, vielleicht für Verzweiflung, aber für einen Selbstmordversuch ?

 

Erst, wenn wir auf diese Fragen plausible Antworten kennen, können wir die Rolle  verstehen, die der Minotauros in der Geschichte spielt, und aus dieser Rolle auch vielleicht den Grund, warum er in Gestalt eines Fabelwesens erscheint.

 

Dass sich Heroen in der griechischen Mythologie Prüfungen unterziehen müssen, ist nichts Ungewöhnliches:

 

Melampos hatte zu zeigen, dass er Wahnsinn heilen kann, - Orion, dass er die wilden Tiere von Chios erlegen kann,  - Admetos, dass er mit einem Gespann fahren kann, auch wenn die Zugtiere ein Löwe und ein Eber sind.

 

Pelops hatte den Herrscher im Wagenrennen zu besiegen.

 

Herakles hatte in Oichalia seine Fähigkeit im Bogenschießen zu beweisen und bei Troja ein Ungeheuer zu besiegen.

 

Melanion hatte im Wettlauf Atalante zu schlagen, - Jason hatte mit vierfacher Geschwindigkeit zu pflügen, - Ödipos ein Rätsel zu lösen, - und Menelaos die reichsten Geschenke zu präsentieren.

 

Odysseus hatte in einem Fall einen Wettlauf zu gewinnen und in einem anderen Fall einen besonderen Kunstschuss mit Pfeil und Bogen zu zeigen.

 

All diesen Beispielen ist eines Gemeinsam: Das Bestehen der jeweiligen Prüfung durch den Heroen ist immer Vorbedingung für dessen Verheiratung mit einer Adelstochter an einem fremden Hof.

 

Die Geschichten von Penelope, von Helena, von Atalante, von der elischen Hippodamia, von Iole und von anderen Frauen zeigen, dass ein adeliger Mann Herrscher werden konnte, dessen Werbung um eine verwitwete Herrscherin oder um eine Herrscherstochter Erfolg hatte. Es war dies eine der Auswirkungen der Möglichkeit einer matrilinearen Erbfolge. Die Werbung war häufig mit der Verpflichtung des Bewerbers verbunden, sich Prüfungen seiner Leistungsfähigkeit zu unterziehen, - nicht selten in Form eines Wettbewerbes mit anderen Freiern.

 

Die Prüfungen des Theseus, der Ring, das Labyrinth und der Minotauros, aber auch seine Beziehung zur Herrscherstochter Ariadne, provozieren geradezu die Frage, ob im Falle des Theseus nicht auch die Werbung um die Herrscherstochter ursprünglich das eigentliche Thema gewesen sein könnte. Sollte dies der Fall gewesen sein, dann könnten sich die Geschehnisse folgendermaßen zugetragen haben:

 

Der Konflikt zwischen dem mächtigen Kreta und dem unbotmäßigen Athen sollte zum Nutzen beider Partner beigelegt werden. Das beste für Athen wäre es wohl gewesen, hätte der athenische Herrscherssohn Theseus die kretische Erbin Ariadne heiraten können und dadurch gleichzeitig eine nennenswerte politische Rolle in Kreta bekommen können, mit guter Aussicht, nach Minos selbst Herrscher in Knossos zu werden. Daher begleitet Theseus die sieben Mädchen und die sieben Burschen nach Kreta und  sondiert, wie er sich nun konkret  bewerben kann.

 

Die Werbung des Theseus wird anerkannt. Es gelingt ihm darüber hinaus, ein aussichtsreiches Verhältnis zu Ariadne aufzubauen. Die Hilfe mit dem „Ariadne­faden“, ähnlich der Hilfe der Hippodameia gegenüber dem Pelops, ist ein Beleg dafür, dass der Theseus der Ariadne mehr als bloß nur sympathisch war.

 

Die erste Prüfung, die mit dem Tauchen nach dem Ring, bestand Theseus glänzend. Athenische A‑iden stellten das später übersteigert dar, indem sie Theseus zusätzlich zum Ring eine juwelengeschmückte Krone unter Wasser finden ließen, die gar nicht hineingeworfen worden war.

 

Als nächstes musste Theseus ins Labyrinth. Was das Labyrinth gewesen sein muss, sagt uns das Werkzeug, um wieder hinaus zu finden, der Fadenknäuel. In einem Irrgarten würde es ausreichen, den richtigen Weg mit Steinchen oder mit Kreide zu markieren. Das Mitnehmen eines Fadenknäuels, überdies eines, dessen Ende am Eingang festgebunden wird, ist unnötig. Nötig ist der Fadenknäuel nur in einem Fall: Wenn es nämlich im Labyrinth finster ist und keine wirksame Möglichkeit der Beleuchtung besteht. Dann kann man sich, den Faden wieder aufrollend, zurück zum Eingang tasten oder ziehen. Diese Methode lässt weniger an ein Labyrinth ‑ Gebäude denken, als an eine der unzähligen kretischen Höhlen. Eine Einzelperson, die in eine weit verzweigte Höhle vordringt, ist gut beraten, eine Art Ariadne‑Faden zu verwenden. Das Labyrinth wird daher wohl eine labyrinthische Höhle gewesen sein.

 

Theseus wird zu beweisen gehabt haben, dass er genügend weit in die Labyrinth ‑ Höhle vorgedrungen ist, und daher etwas von dort mitzubringen gehabt haben. Dies könnte der Minotauros gewesen sein, den man vor dem Theseus in die Höhle geführt haben könnte. Vielleicht war es aber auch etwas anderes, kleineres und handlicheres, zum Beispiel ein kretisches Opfergefäß in Stierform, wie man es in vielfältiger Form in den Museen sieht, oder etwas Ähnliches. In diesem Fall hätte man nämlich zusehen können, wenn Theseus dem Minotauros gegenüber trat, was in einer finstern Höhle nicht möglich gewesen sein kann. Ob nun mit Minotauros oder ohne, Theseus hat jedenfalls aus dem Labyrinth anhand des Ariadne ‑ Fadens wieder herausgefunden und diesen Teil der Prüfung ebenfalls bestanden.

 

Wir wissen jedoch, dass es zu einer Heirat zwischen Theseus und Ariadne nicht kam. Ariadne hat nicht den Theseus, sondern den Dionysos geheiratet. Theseus konnte erst gut eineinhalb Jahrzehnte später, ‑ nach des Minos Tod, ‑ eine kretische Herrscherstochter heiraten, nämlich die Phädra. Es muss demnach etwas geschehen sein, das die so Erfolg- versprechende Werbung des Theseus, entgegen der bilateralen Vorbereitungen,  zu einem Misserfolg  werden ließ.

 

Dies muss wohl mit der dritten Prüfung, jener mit dem Minotauros, zusammenhängen. Was dabei nun konkret der Grund des Misserfolges gewesen sein könnte, damit werden wir uns beschäftigen, nachdem wir uns damit vertraut gemacht haben, was weiter geschah:

 

Theseus schied von Kreta, vielleicht im Unfrieden, wie die Mythe berichtet, vielleicht mit der Ariadne bis zur Insel Dia dabei, ob aus freien Stücken als Begleitung und zum Trost, oder als Geisel wegen Bedrohungen durch eine Verfolgung.

 

Sodann näherte sich sein Schiff Athen. Mit dem routinemäßigen Setzen des Segels wird bei einer Fahrt entgegen der Hauptwindrichtung nicht zu rechnen gewesen sein, - das Aufkreuzen war ja noch nicht erfunden. Daher kann auch die weiße oder schwarze Farbe des Segels kaum als Zeichen vereinbart gewesen sein.

 

Segel wurden auf Schiffen geschwärzt, die von übermächtigen Feinden verfolgt wurden. Das Schiff sollte dadurch auf weite Distanzen weniger gut gesehen werden können, besonders in der Nacht. Ohne die Notwendigkeit einer diesbezüglichen Abmachung konnte daher Vater Ägeus am geschwärzten Segel den Misserfolg der Werbefahrt erkennen, die doch so gut vorbereitet gewesen war.

 

Die Idee eines sich-ins-Meer-Stürzens ist in der Scham wegen der Zurücksetzung seines Sohnes, seiner Person und seiner Familie begründet, - und überdies vielleicht auch, weil Aigeus guten Grund hatte, die kretische Flotte hinter seines Sohnes Schiff zu vermuten.

 

Am Rande sei angemerkt, dass Aigeus in anerkannten Versionen der Geschichte Medea, die von Korinth kam, wo sie Herrscherin gewesen war, geheiratet hat. Dies kann sich nur später ereignet haben, als die Kretafahrt des Theseus. Es ist daher wohl davon auszugehen, dass Aigeus in Wirklichkeit das sich-ins-Meer-Stürzen überlebt hat.

 

Die Abweisung der Werbung des Theseus und der damit verbundenen athenischen Bemühungen war naturgemäß ein unerfreuliches Thema für die athenischen A-iden. Die Schande Athens und die Peinlichkeit der Ereignisse musste kaschiert werden. Ariadne durfte Theseus nicht abgewiesen haben, es muss Theseus gewesen sein, der sie verlassen hat, - auch wenn objektiv dafür kein plausibler Grund vorlag.

 

Aus einer beschämenden Niederlage hatte ein glänzender Sieg herausgefiltert zu werden. Als dieser Sieg wurde dann, wir wissen es, jener über den Minotauros dargestellt.

 

Somit gerät endlich auch das eigentliche Thema dieses Kapitels in die Nähe der Erörterung. Allerdings benötigen wir zum Verständnis einiges an grundsätzlichen Erkenntnissen bezüglich Stieren im alten Kreta:

 

Stiere hatten zu Beginn der mythischen Epoche auf Kreta offenbar eine andere Bedeutung, als sie sie heute haben. Europa setze sich zutraulich einem ihr fremden Stier auf den Rücken. Pasiphae war ihrem Stier sogar dermaßen zugetan, dass sie mit ihm sodomitische Praktiken ausführte. Wären in dieser Zeit Stiere mit Furcht- erregenden Urgewalten assoziiert worden, wären diese Akte der liebevollen Zuneigung unmöglich gewesen.

 

Die alten Wandbilder, wie jenes mit den drei Stierspringern, zeigen wohl kaum Stierkämpfe, sondern viel eher artistische Auftritte. Wir lesen, dass laut einem bekannten spanischen Torero ein Stiersprung, wie jener auf dem Wandbild, nicht machbar ist. Wir müssen dazu ergänzen: gegen den Willen des Stieres!

 

Die Stiersprünge müssen daher mit extra dafür dressierten und vielleicht auch extra dafür gezüchteten Tieren ausgeführt worden sein. Und die waren nicht Furcht- erregende Urgewalten, sondern umhätschelte Lieblinge, wie die Stiere der Europa und der Pasiphae.

 

Auch Herakles tötete den kretischen Stier nicht, als er ihm, im Rahmen einer der bekannten zwölf „Arbeiten“, gegenüberzutreten hatte . Er fing ihn lediglich ein. Die Idee, dass man gegen Stiere tödliche Kämpfe auszutragen hat, entstand erst später. Unser von spanischen Stierkämpfen heutiger Zeiten geprägter Blickwinkel erschwert uns, ohne Vorurteil die Bedeutung des Stieres in der mythischen Epoche, und wohl auch innerhalb der kretisch -  mykenischer Zeit, zu erkennen.

 

Ob nun Theseus als Minotauros einen echten Stier als Gegenüber hatte, oder ob er den, vielleicht missgebildeten, Sohn der Pasiphae als Gegenüber hatte, -  die Aufgabe kann nicht darin bestanden haben, sein Gegenüber zu töten. War es ein wirklicher Stier, wird wohl offenkundig geworden sein, dass der Stiersprung die Stärke des Theseus nicht war. War es Pasiphaes Sohn, vielleicht den Theseus im Inneren der Labyrinth ‑ Höhle erwartend, muss Mord oder Totschlag die falscheste Reaktion gewesen sein, die denkbar war. Man könnte an eine Panikreaktion im Finstern denken, eines Heroen unwürdig.

 

Ob so oder so, der Minotauros war des Theseus Stolperstein. Man mag sich daran erinnern, wie sich zwei Generationen vorher der unbedarfte Kadmos durch einen ähnlichen Fauxpas, nicht mit einem Stier sondern mit einer Schlange, acht Jahre Zwangsarbeit eingehandelt hat.

 

In jedem Fall erscheint die Gestalt des Minotauros, wie wir sie heute kennen, das Produkt einer mit der athenischen Herrschaft wohlabgestimmten Manipulation in der Darstellung der Ereignisse, ursprünglich wohl durch athenische A‑iden. Sie hat sich durchgesetzt, weil die Figur des Minotauros beim Publikum gut ankam, ‑ und weil der Einfluss des später mächtigen Athen das seinige dazu getan hat.

 

Aus kretischer Sicht war die Theseus ‑ Episode wohl gar nicht wert, zum Thema kretischer Epik zu werden. Die Hochzeit von Ariadne und Dionysos war sicher für Kreta ein bedeutendes Ereignis. Eine misslungene Bewerbung davor, vielleicht nur eine von vielen misslungenen Bewerbungen, war es mit Sicherheit nicht. Der Totschlag am königlichen Prinzen Asterios wird vermerkenswert gewesen sein, ebenso wie die damit in Verbindung stehende Verhaftung des großen Erfinders Daidalos, beides jedoch sicher nicht Heldenlied - würdig. Aus diesen Gründen wäre es nicht unlogisch, wenn es tatsächlich die Minotauros ‑ Geschichte nur aus athenischer Sicht gegeben hätte.

 

Wir sollten vermerken, dass wir im Zuge der Beschäftigung mit dem Minotauros zu Einsichten über das Wesen des Stieres in Kreta, - des omnipresenten Stieres, -  gekommen sind, die weit über das eigentliche Thema „Minotauros" hinausreichen:

 

Die Eigenschaften, die Altkreter und kretisierte Vorgriechen an einem Stier schätzten, waren, ‑ wir sehen es, ‑ Stärke in Verbindung mit Gutmütigkeit. Diese Eigenschaften wurden auch bei Menschen, besonders bei Männern, hochgeschätzt. Daher wurden sie auch bestimmten Göttern zugeordnet, in erster Linie dem Dionysos und in zweiter Linie dem Zeus. Unberechenbare und todbringende Urgewalt war mit dem Stier jedenfalls nicht gemeint.

 

Diese Einsicht bezüglich der Wesensart des kretischen Stieres sollte uns auch zum besseren Verständnis der alten Malereien dienen: So stellt die Malerei auf der einen Seite des Sarkophages von Aghia Triada in diesem Sinne betrachtet kein Stieropfer dar. Dafür schaut auch der Stier auch zu freundlich und hält überdies den Kopf zu hoch. Es wird wohl darum gegangen sein, durch Aderlass an dem edlen Tier zu dem begehrten Stierblut zu kommen, danach die Wunde am Hals des Stieres liebevoll zu versorgen und schließlich den Stier als Lebenden heim in seinen Stall zu führen.

 

 

 

 

Das fliegende Pferd Pegasos

 

 

Die Gestalt des fliegenden Pferdes Pegasos markiert einen Höhepunkt des Fabulösen in der griechischen Mythologie:

 

Der Pegasos kommt als ausgewachsenes Tier aus dem von Perseus geköpften Körper der Gorgo Medusa hervor, zusammen mit dem ebenfalls ausgewachsenen goldenen Kämpfer Chrysaor, dessen Sohn Geryon im Alter dem Perseus ‑ Urenkel Herakles im südspanischen Cadiz, die Griechen sagten „Gades“, unterliegen sollte. Von den Musen am böotischen Helikon - Massiv versorgt, taucht der Pegasos in Korinth, oben in Akrokorinthos, auf, an der Quelle Peirene, - rund vierzig Kilometer Luftlinie aber immerhin hundertzwanzig Kilometer Straße vom Helikon entfernt, - wo ihn der Heros Bellerophontes auf Anraten des Sehers Polyeidos in Besitz nimmt.

 

Auf dem Rücken des fliegenden Pferdes reitend, tötete Bellerophontes für den kleinasiatisch ‑ lykischen König Jobates das Ungeheuer Chimera, indem er mit Pfeil und Bogen aus der Luft herunterschoss.

 

Ebenfalls vom Rücken des fliegenden Pegasos aus besiegte Bellerophontes für Jobates Solymner, die mit Amazonen verbündet waren, indem er Felsbrocken auf sie herabfallen ließ.

 

Als Bellerophontes übermütig zu werden begann, und sich den Olymp zum Flugziel wählte, warf ihn der Pegasos ab, von einer Stechfliege des Zeus unter den Schwanz gestochen. Bellerophontes fiel in einen Busch und überlebte schwer verletzt, behindert auf Lebenszeit.

 

Das Fliegen ist in der griechischen Mythologie nicht nur dem Bellerophontes vorbehalten. Auch der anfangs erwähnte Perseus war ein Luftfahrer. Von den Nymphen des Styx, eines Flusses, den es nicht nur in der Unterwelt, sondern auch auf der Peloponnes zwischen dem arkadischen Aroania ‑ Gebirge und dem korinthischen Golf gibt, erhielt dieser Heros geflügelte Sandalen, mit denen er Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, sowie Palästina bereiste und zum Schluss von Jaffa aus zur Kykladeninsel Seriphos zurückkehrte. In Jaffa tötete er ein Seeungeheuer, indem er aus der Luft kommend dessen Hals mit einer Sichel durchschlug, nachdem er es mit seinem Schatten im Meer abgelenkt hatte. Dieser Angriff aus der Luft wird allerdings nur in einem nachantiken Bericht angeführt.

 

Die Tradition der griechisch ‑ mythologischen Luftfahrt wird, wie bekannt, durch Dädalos und seinen Sohn Ikaros ergänzt, die mit Vogelfeder – Wachs ‑ Flügeln an den Armen durch die Luft aus ihrem Labyrinth ‑ Gefängnis flohen und bis zur Insel Ikaria kamen, einige Jahre nach des Perseus Flügen. Ikaros stürzte ab und starb.

 

Auch von Medea wird berichtet, dass sie, etwa zur gleichen Zeit, auf einem fliegenden Wagen Korinth verließ.

 

Pelops soll mit einem ähnlichen Wagen über die Ägäis geflogen sein. Sein Wagenlenker Killas starb aufgrund der Geschwindigkeit.

 

Phrixos und seine Schwester Helle flogen auf einem geflügelten, goldenen Widder. Helle verlor dabei den Halt, stürzte ins Meer und starb.

 

Die Argonauten Kalais und Zetes haben, mit den Schwertern in den Händen, die Harpyen in der Luft verfolgt.

 

Auch der Olymp selbst ist an der Luftfahrt beteiligt: Der Gott Hermes soll ja bekanntermaßen Flügelschuhe, ähnlich denen des Perseus, benützt haben.

 

An der Geschichte des Pegasos und an den anderen Fliegergeschichten fällt einiges auf: Zum Ersten: Sie spielen alle während weniger Jahre, während eines einzigen Menschenalters, kurz vor Ausbruch der Kriege in Troja, in Theben, in Elis, und an anderen Orten, gerade zu jener Zeit, in der die Kultur und der Wohlstand der Vorgriechen der mykenischen Zeit am höchsten entwickelt waren. Später, vor Theben und vor Troja, experimentierte dann niemand mehr mit Flugmaschinen, ebenso wenig, wie vorher, zu Zeiten von Io und von Deukalion.

 

Weiters fällt der Realismus im Detail auf: Wer die Hände frei braucht, betreibt sein Fluggerät mit den Beinen oder Füßen, wer nicht, mit den Armen oder Händen. Dann: Die Unfälle ! Vier von elf Flugpionieren verunglücken, drei davon tödlich, der vierte mit bleibenden Schäden auf Lebenszeit.

 

Man möchte sich fragen: Haben sie es etwa tatsächlich probiert? Stecken reale Versuche, etwa mit hängegleiter‑ oder drachenähnlichen Flugapparaten dahinter? Wäre es für Menschen, die in der Segelschifffahrt weltweit konkurrenzlos waren, abwegig, auf den Gedanken zu kommen, man könne die Kräfte der Luft auch zum Abheben benützen?

 

Wäre dem so gewesen, wäre es dennoch in historischem Sinn unerheblich, da die Fliegerei, wenn es sie wirklich gab, so bald nach ihren aller ersten Anfängen den spätmykenischen Kriegs‑ und Krisenzeiten zum Opfer gefallen sein muss, dass sie ohne Auswirkung geblieben ist. Allerdings: historisch glaubhafte Flugversuche würden den Pegasos-, Perseus‑ und Daidalos- Geschichten einen realen Hintergrund verleihen, und scheinbar Fabulöses zu etwas Erklärbarem machen.

 

Die Flugapparate, sei, es zum Zweck des Fischens, des Jagens, des Überwindens von Hindernissen oder des Kriegführens, können nicht sehr verbreitet gewesen sein, sonst würde man sie auf mykenischen und kretischen Darstellungen abgebildet finden. Aber sie können spektakulär genug gewesen sein, um in die literarische Tradition der Mythen aufgenommen zu werden.

 

Luftreisen über weitere Distanzen wird es jedenfalls nicht gegeben haben. Wenn Perseus mit seinem Fluggerät nach Marokko gereist ist, Bellerophontes nach Lykien, Daidalos nach Sizilien und Phrixos nach Georgien, - dann sollte man sich die Fluggeräte besser zusammengelegt und sorgfältig verpackt an Bord der Schiffe vorstellen, die die entsprechende Destination hatten. Das Spektakuläre an einigen hundert Meter Gleitflug oder einigen Höhenmetern in einem Fesseldrachen muss ausgereicht haben, die A‑iden zum Aufgreifen des Themas zu bewegen.

 

Da Flugversuche in späteren Zeiten nicht mehr angestellt wurden, hatte ein späteres Publikum auch nicht die Möglichkeit, den Realitätsgehalt des Erzählten anhand der eigenen Erfahrung zu überprüfen. Was für eine Chance für kreative A‑iden ! Die geflogenen Strecken konnten wachsen, das Fluggerät konnte, wenn man wie auf einem Pferd darauf saß, Pferdeform annehmen und schlussendlich zum lebendigen Pegasos werden!

 

Sofern wir zustimmen können, dass Gleit‑ oder Fesseldrachen ‑ Fluggeräte in den Kulturzentren der kretisch ‑ mykenischen Kultur nicht unmöglich gewesen wären, unabhängig davon, ob es nun tatsächlich welche gegeben hat, oder nicht, kennen wir zumindest ein Szenario, innerhalb dessen die Pegasos ‑ Geschichte erklärbar ist und innerhalb dessen auch die Perseus‑ und Dädalos‑ Geschichten erklärbar sind.

 

Wir brauchen dazu nicht an die Existenz dieser Flugkörper glauben, nicht, dass Bellerophontes die Chimera, was immer sie war, von einem mit den Füßen lenkbaren Flugdrachen aus erschossen hat, ­nicht, dass Perseus das Seeungeheuer, was immer es gewesen sein mag, von einem ähnlichen Fluggerät aus geköpft hat, nicht, dass Phrixos sich durch einen Gleitflug seiner Opferung entzog, ‑ und auch nicht, dass Daidalos und Ikaros mittels behelfsmäßigen Fesseldrachens oder Gleitfliegers über die Gefängnismauer gelangt sind.

 

Was die Medea‑ Geschichte betrifft, und den fliegenden Wagen, sehen wir uns einer völlig anders gearteten Erklärungsmöglichkeit gegenüber: Im klassisch ‑ griechischen Theater gab es eine Einrichtung, mit der die Schauspieler "fliegen" konnten, sogar über den Zuschauerraum hinweg, wie dies etwa in des Aristophanes „Vögel“ vorkommt. Es war dies natürlich kein echtes Fluggerät, sondern eine Konstruktion mit Seilen. Es war die Medea der Bühne, die für Euripides von geflügelten Schlangen durch die Luft davon gezogen werden musste, nicht die Medea der Mythe.

 

Wenn der Aspekt des Fliegens in den Mythen nun auch erklärbar erscheint, heißt das natürlich nicht, dass damit alles Fabulöse in der Pegasos ‑ Geschichte erklärt ist. Die Medusa, deren Kopf auch als Abgeschlagener alles in Stein verwandelt und aus deren Körper der Pegasos und der Chrysaor entsprangen, ist ein weiteres Fabelwesen, wie auch die drei Graien, mit zusammen nur einem einzigen Aug und einem einzigen Zahn.

 

Diese Abstrusitäten können sehr einfach erklärt werden. Sie können eigentlich nur mit einem gewissen Schmunzeln erklärt werden. Wir müssen nämlich die Frage stellen: War irgend jemand außer dem Perseus selbst bei den drei Gorgonen und bei den drei Graien? - Den Mythen zumindest ist nichts davon bekannt.

 

Woher können die A‑iden daher die Geschichte daher ausschließlich nur haben? - Von Perseus selbst, und niemand anders ! Und: Hat Perseus je behauptet, die Medusa auch nur gesehen zu haben?  Hat er jedenfalls nicht, denn sogar die Mythe sagt, er hat nur ihr Spiegelbild in seinem Schild angesehen, aus Angst, versteinert zu werden. Mykenischen Schilden wird man manches zubilligen können, mit Sicherheit jedoch nicht die Eigenschaften eines optischen Präzisionsgerätes für Spiegeltechnik.

 

Perseus hat also etwas erlebt, ganz alleine. Perseus hat es sodann dem einen oder dem anderen A‑iden weitererzählt oder vielleicht sogar vor Publikum selbst weiter erzählt. Selbst, wenn wir annehmen, Perseus sei ein wahrheitsliebender Mensch gewesen, muss sich aus dem, das er erlebte, aber, wie er selbst erzählte, eigentlich nicht wirklich sah, eine Art Seemannsgarn entwickelt haben.

 

Nun ist es aber eher unwahrscheinlich, dass der Perseus ein wahrheitsliebender Mensch gewesen ist: Die Tarnkappe, das ständige Drohen mit dem schwarzen Sack, aus dem er das Gorgonenhaupt nur hervorziehen muss um sein jeweiliges Gegenüber zu versteinern, weist auf einen eher Taschenspieler- haften Charakter, auf einen irgendwie Hermes- artigen, hin. Niemand kann je Medusas abgeschlagenen Kopf gesehen haben. Er wäre ja sonst zu Stein geworden. Viele jedoch haben wahrscheinlich des Perseus schwarzen Sack gesehen !

 

Perseus, der Illusionist unter den Heroen, ist auf seine Weise sogar Herrscher von Tiryns geworden und ein Fixpunkt für viele Genealogien der Vorgriechen. Seine eigene allerdings, die Darstellung seiner Herkunft von Danaos, Belos und letztlich Io, wirkt absolut nicht überzeugend, da sie viel zu kurze Generationen ansetzt.

 

Man möchte meinen, auch hier habe ein geschickter Manipulant gewirkt, und für einen einfachen Mann von der kleinen Kykladeninsel Seriphos, ursprünglich vielleicht ein Fischer, wie der Diktys, alten Adel hinzugedichtet. Dass diese Rechnung aufging, dafür sorgte das später mächtige Mykene und dessen A‑iden, soll doch Perseus Mykene entwickelt haben und Herrscher in Tiryns gewesen sein. Letzteres ereignete sich dann allerdings zum Unterschied zu den vorherigen Begebnissen vor aller Augen und daher ohne, dass es damals bezweifelt werden konnte.

 

Es gibt mehrere Begebenheiten in der griechischen Mythologie, die der jeweilige Heros ganz alleine erlebt, oder die er ganz alleine überlebt. Die A‑iden können daher die zugehörige Geschichte von niemand anders gehabt haben, als vom Heros selbst. Diese Art von Geschichten waren immer schon unüberprüfbar, und daher von vorn herein zum immer – bizarrer ‑ Werden bestimmt:

 

Prominentestes Beispiel dafür ist der Bericht über die Irrfahrten des Odysseus, jenes Heros, der diese Fahrten ja als Einziger überlebte. Odysseus wird dargestellt als   Person, deren Charakter jenem des Perseus in Vielem zu ähneln scheint, besonders jedoch im Taschenspielerhaften.

 

Weitere Beispiele für Berichte Einzelner über zeugenlose fabulöse Begebenheiten sind die verschiedenen Erzählungen über Reisen in die Unterwelt, die die Heroen Herakles, Theseus, Orpheus, Äneas und Odysseus unternommen haben sollen. Auch die Besuche des Ixion und des Tantalos bei den Göttern in ihrem Palast auf dem Olymp gehören in diesem Zusammenhang genannt. Derartige Geschichten hätte die jeweilige Öffentlichkeit wohl zu keiner Zeit für bare Münze genommen.

 

 

 

 

 

Kyklopen, Hekatocheiren und Giganten

 

 

Die Kinder der Gea und des Uranos, die Riesen der griechischen Mythologie, sind natürlich Fabelwesen in ähnlichem Sinne wie die Kentauren, der Minotauros und der Pegasos, lösen jedoch weit weniger Erklärungsbedarf aus, als jene anderen, mit denen wir uns bisher auseinandergesetzt haben.

 

Hekatocheiren und Giganten treten Menschen gegenüber gar nicht auf, sondern sind Gestalten des Titanenmythos, wenn auch solche, die offenbar das Typische von Gruppierungen auf der Erde personifizieren.

 

Einzig die Kyklopen haben mit den Menschen Kontakt: Sie errichten für den Herrscher Proitos die Burgmauern von Tiryns und für Perseus die Burgmauern von Mykene und von Midea, alle drei Orte in der Argolis gelegen und innerhalb eines Kreises von nicht einmal fünfzehn Kilometer Durchmesser. Später begegnet Odysseus dem Kyklopen Polyphemos und anderen Kyklopen auf deren Insel, wo sie Schaf‑ und Ziegenhirten sind und in Höhlen wohnen.

 

Die drei Namen Steropes, Brontes und Arges bezeichnen Kyklopen, die mehr übernatürliche Wesen, als Menschen sind. Es klingt nach dröhnend lauten Arbeitern mit starrem Blick.

 

„Kyklops“, könnte (ausgehend von „ωψ, ωπός“ für „Auge, Antlitz“) als das runde Auge, verstanden werden und dem „Europs“, als dem breiten Auge, gegenübergestellt. Das breite Auge, auch das breit geschminkte Auge, auf altkretischen wie auch auf ägyptischen Bildern oft dargestellt, ist eines der Kennzeichen von kultivierten Menschen. Deshalb liegt der Gedanke nahe, das runde Auge könnte als Kennzeichen der Unkultur, des Barbarischen, zu verstehen sein.

 

Man wird nicht falsch liegen, wenn man annimmt, dass jene Vorgriechen, die sich selbst infolge der Einflüsse der kretisch ‑ mykenischen Kultur als kultiviert betrachteten, in ihrer schnoddrigen Art jene anderen Vorgriechen, die in immer neuen Scharen zu den Kulturzentren drängten, aber noch immer barbarische Kinder von Erde und Himmel der osteuropäischen Ebenen, von Gea und Uranos, waren, als „Rundaugen“, als „Kyklopen“, bezeichneten.

 

Diese Menschen wurden wohl zu ungelernter Arbeit herangezogen, zu Arbeiten, für die Körperkraft das Wesentliche war, wie für den Mauerbau in Tiryns, Mykene und Midea. Dazu passt das urtümliche Hausen in Höhlen und das ebenso urtümliche Schaf‑ und Ziegenhüten.

 

Das eine Auge auf der Stirn, anstelle zweier normaler, wenn auch "rund" genannter Augen, das könnte in ähnlichem Sinn, wie für die Medusa angeführt, ein Produkt des Umstandes sein, dass Odysseus seinen Irrfahrten alleine entronnen ist, und seine Geschichte von der Kyklopeninsel in keiner Weise zu kontrollieren gewesen ist:

 

Ein in ursprünglich ‑ vorgriechischer Art von seiner Höhle aus Schafe und Ziegen hütender Polyphemos war kein besonders gutes Thema für eine Abenteuer ‑ Mythe. Außergewöhnliche Körpergröße machte ihn sicher für die Geschichte interessanter, aber doch noch nicht wirklich zu etwas Besonderem. Die Missbildung mit dem einen Aug auf der Stirn, die brachte jenen gruseligen Zug hinein, der bis heute Aufmerksamkeit erregt. Und nachprüfen hat man es damals wie heute nicht können.

 

Die Hekatocheiren, die Hundertarmigen, sind, wie im Zuge der Erörterung des Titanenmythos beschrieben, wohl Personifizierungen der Rudermannschaften der Pentekonteren, der frühen Galeeren, deren idealtypisches Leitbild fünfzig – rudrig war, wie etwa auch die „Argo“, das Schiff der Argonauten. Da fünfzig Ruderer hundert Arme haben, offenbart sich das Wort "Hundertarmige" als ähnlich schnoddrige Bezeichnung eines ähnlichen Menschenschlages, wie im Falle der Kyklopen.

 

Ihre Rolle in der Mythe ist es, den Kronos gegen seinen Vater Uranos unterstützt zu haben, zusammen mit den Kyklopen und den anderen Titanen, aber nach erfolgreichem Aufstand von Kronos wieder gefangen gesetzt zu werden, wiederum zusammen mit den Kyklopen. Zeus befreit dann während des Krieges zwischen Titanen und späteren Göttern beide Gruppen, die Hekatocheiren wie die Kyklopen, und sie entscheiden den Krieg. Die Hundertarmigen führen den Kampf, indem sie Steine werfen, was wohl zum Ausdruck bringt, dass sie als Ruderer keine anderen Waffen zur Verfügung haben. Die Titanen werden in ihrem Exil im fernen Westen nun von Hundertarmigen bewacht.

 

Eine Erklärung dieser Rolle der Hekatocheiren erübrigt sich fast: In ihrer Freiheit eingeschränkt, damit sie rudern, werden sie im Zuge zweier erfolgreicher Aufstände jeweils befreit. Es sind dies jener, durch den die Vorgriechen von den Altkretern die Macht übernahmen und ein anderer von bereits zivilisierten Vorgriechen gegen noch unzivilisierte.

 

Die Hundertarmigen beteiligen sich in beiden Fällen am Aufstand und gerade durch ihre Hilfe gelingt der Aufstand auch. Nach getaner Arbeit werden sie wieder in ihrer Freiheit eingeschränkt und zum Rudern eIngeteilt. Ihre Geschichte erscheint uns als die griechische Version zum Thema der Verdammten dieser Erde.

 

Die Giganten, Gegenstand von Berichten später Mythographen, versuchen einen Aufstand gegen die Götter, der scheitert. Es sind vierundzwanzig langhaarige und bärtige Männer. Die Götter können ihnen nicht am, deshalb ist es Herakles, der sie alle letztendlich tötet. Ist es Mythe, ist es Roman ?

 

Die Botschaft, dass, wenn die Götter angegriffen werden, der Mensch es ist, der sie verteidigt, könnte aus jeder Epoche stammen. Der Ort des Endkampfes, die phlegräischen Felder nahe Neapel mit ihren vulkanischen Dämpfen und ihren Blasen werfenden Erdkrusten, sind eher ein Ort, der die Phantasie von Dichtern anregt, als einer, der sich für eine Schlacht eignet. Geblieben ist, in der  griechischsprachigen Version, sowie auch in der deutschen, die Bezeichnung "Gigant" für "Riese".

 

 

 

 

 

Die Ungeheuer

 

 

Der dreiköpfige Hund der Unterwelt Kerberos, die vielköpfige Hydra aus Lerna in der Argolis, die Chimera aus dem kleinasiatischen Lykien, Löwe, Ziege und Schlange in einem, der zweiköpfige Hund Orthos des Geryon aus Cadiz in Andalusien, die thebanische Sphinx des Ödipos und der nemäische Löwe , ebenfalls aus der Argolis, sind laut Hesiod allesamt Wesen des selben Mutter – Ungeheuers.

 

Es ist dies die Echidne, halb Frau und halb Schlange, Gattin des nicht zur Menschenwelt sondern zur Götterwelt gehörenden Über‑ Ungeheuers Typhon, mit Eselskopf, Schlangen statt Armen und Beinen, und mit Flügeln, - das aus Rache für den Untergang der Giganten vergebens gegen die Götter ankämpfte, wobei Zeus dabei eine Zeit lang absolut nicht gut aussah.

 

Echidne wiederum soll von der Keto geboren worden sein. Ihr Vater war Ketos Bruder Phorkys, ein prophetischer Wassermann des Schwarzen Meeres, selbst Sohn ebendieses Meeres „Pontos“, und der Gea, der Mutter Erde.

 

Auch die Schlange Ladon, die die Hersperidenäpfel auf einer Insel im Atlantik bewachte, und die drei Gorgonen, darunter die Gorgo Medusa, galten als von Keto dem Phorkys geboren. Die Harpyen aus Kreta und die sizilianische Skylla, sechsköpfige Hündin, gehörten auch zu dieser Familie.

 

Neben den Ungeheuern dieses eindrucksvollen Geschlechtes mit seiner menschenähnlichen Genealogie, gibt es noch weitere Ungeheuer. Man denke nur an die beiden Seeungeheuer, die Andromeda in Jaffa und Hesione in Troja bedrohten und an die kastalische Schlange des Kadmos aus Theben. Kekrops und Erichthonios, zwei der ersten Herrscher Athens, waren zwar keine Ungeheuer im engeren Sinn, aber immerhin halb Mensch, halb Schlange.

 

Die Ungeheuer, wir merken es, sind zu mehr als der Hälfte Schlangen oder zumindest teilweise Schlangen. Sie sind dies nicht nur in den Mythen, die von Menschen handeln, sondern auch in den Götter­mythen. Denken wir nur an die Python ‑ Schlange von Delphi und Delos, zu Apollo und Hera gehörig.

 

Jene Ungeheuer, die nicht oder nur teilweise Schlangen sind, sind zu je etwa einem Drittel Hund oder Löwe. Knapp die Hälfte der Ungeheuer sind männlichen Geschlechtes, unwesentlich mehr verbreitet waren die weiblichen Ungeheuer. Es fällt auf, dass der in Mythen wie auf Darstellungen so häufig vorkommende Stier nicht als Ungeheuer auftritt, es sei denn als Minotauros, der hier gesondert erörtert wird.

 

Schlangen kommen in den Darstellungen der altkretischen Kultur häufig vor. Die bekannte Schlangen ‑ haltende Dame hat zwar rekonstruierte und nicht tatsächlich gefundene Schlangen in den Händen. Ähnliche Statuetten liegen uns jedoch inklusive der Schlangen vor.

 

Die Schlangen in den Darstellungen haben, ebenso wie die Stiere, nichts Erschreckendes an sich. Es ist das Vorurteil unserer heutigen Kultur, in Stier und Schlange von vornherein die Bedrohung erkennen zu wollen. Während die hebräische Schlange des Moses den Teufel bedeutet, ist die Vor‑ und frühgriechische Schlange positiv besetzt. Die Äskulapnatter als bis heute gültiges Zeichen der Heilkunst belegt dies außerdem. Sie wäre sonst auch nicht möglich.

 

Ebenso wie Rinder in Kreta und Südgriechenland mangels Grases ­nicht heimisch sind, sondern Importprodukte gewesen sein müssen, genauso sind große und gefährliche Schlangen in diesen Gegenden von Natur aus nicht anzutreffen. Es gibt zwar Schlangen der Größe und Giftigkeit, wie in Mitteleuropa. Es mag auch vor den Wald­ - Schlägerungen der klassischen Epoche wegen des feuchteren Klimas mehr Schlangen gegeben haben, als heute, - unter Umständen sogar Schlangenplagen, wie jene auf der Insel Ägina gegenüber von Athen, über die in der Aiakos ‑ Mythe berichtet wird.

 

Einem Welthandelsvolk wie den mykenischen Vorgriechen müssen Riesenschlangen und tatsächlich gefährliche Giftschlangen bekannt gewesen sein. Sicherlich haben sie solche Schlangen auch importiert, wo doch der Schlange ein so hoher Stellenwert zukam. Riesenschlangen, wie die Python‑Schlange, wie Ladon und wie die kastalische Schlange waren den Menschen daher durchaus nichts Unbekanntes. Man konnte sich vorstellen, dass eine Riesenschlange den Laokoon vor Troja erwürgt, ohne dabei an ein mythisches Ungeheuer denken zu müssen. Man konnte sich von den Größen­verhältnissen her einen Kekrops und einen Erichthonios vorstellen, ebenso wie eine Echidne, die alle drei den aufgerichteten Oberkörper eines Menschen über einem sich windenden Riesenschlangen ‑ Körper aufwiesen.

 

Die Schlangen, ob nun in fremdländischer Riesengröße oder in einheimischer Kleintierhaftigkeit, waren so positiv besetzt, dass man sich in Athen die eigenen Vorfahren als Halbschlangen vorstellen konnte, und dass dies überdies noch eine Ehre war. Offenbar wurden den Schlangen Eigenschaften zugedacht, die zu haben auch für einen Menschen als Auszeichnung galt.

 

Was dies genau war, werden wir nicht mehr rekonstruieren können. Es hing jedenfalls mit Heilung zusammen, mit Frieden und sicherlich auch mit Ausstrahlung. Gerade Athen, das sich so abmühte, eine bedeutende Vergangenheit zu konstruieren, konnte am allerleichtesten mangels genügend präziser Überlieferung auf Halbschlangen als Vorzeit ‑ Könige kommen.

 

Präziser ist die weit später handelnde Kadmos ‑ Geschichte. Kadmos, aus dem fernen Libanon frisch in Böotien angekommen, treibt erst eine Kuh weg, die jedenfalls jemandem gehört haben muss, und tötet dann die heilige kastalische Schlange. Der wild gewordene Auslands­grieche beging in seiner Unbedarftheit ein Sakrileg nach dem anderen. Die Geschichte verschweigt auch nicht, dass er zur Strafe acht Jahre Zwangsarbeit im Dienste des Ares ausfasste. Wir dürfen vermuten, dass der Kriegsgott hier seinen Namen stellvertretend für die wahrscheinlich altkretische Herrschaft hergeben musste.  Dies zu den schlangenhaften Ungeheuern.

 

Löwen, liest man in der einschlägigen naturgeschichtlichen Literatur, soll es in mykenischer Zeit in Griechenland tatsächlich gegeben haben. Zwar mag das bergige, steppenlose Land den Löwen nicht gerade entgegengekommen sein, wir wollen aber die Existenz von Löwen, wie des nemäischen und dessen von Kithäron, mit denen Herakles kämpfte, und dessen vom Pelion, mit dem Kyrene rang, nicht bezweifeln.

 

Die zuschauerhaften Kommentare des Chiron und des Apollo zum Ringen der Kyrene mit ihrem Löwen legen es nahe, anzunehmen, dass es derartige Ringkämpfe zumindest auch als Schaukämpfe gegeben hat. Ein gezielter Import von Löwen war einer Fernhandelsorganisation, die Rinder importieren konnte, jedenfalls möglich.

 

Löwenartige Ungeheuer sind die Chimera Lykiens und die thebanische Sphinx, die eine mit Löwenkopf, die andere mit Löwenkörper. Die Chimera war jedenfalls ein Tier, die Sphinx entsprechend ihrem Auftreten offensichtlich ein Mensch oder zumindest ein sehr menschenähnliches Wesen.

 

Die Beschreibung der Chimera als vorne ein Löwe, in der Mitte eine Ziege und hinten eine Schlange weist darauf hin, dass das betreffende Tier in Kleinasien und wohl auch im übrigen Griechenland nicht bekannt gewesen ist, dass es wohl keinen griechischen Namen hatte und dass daher sein Aussehen umschrieben werden musste. Die Anklänge ihres Namens an Chimarros, den reißenden Bach, und die Unbekanntheit sogar in einer Fernhandelskultur, legen es nahe, anzunehmen, dass das Tier aus dem Norden kam, oder von dort her gebracht wurde.

 

Nun mag man darüber rätseln, welches im Mittelmeerraum vor dreieinhalb Jahrtausenden unbekannte Tier vorn wie ein Löwe, in der Mitte wie eine Ziege und hinten wie eine Schlange am ehesten aussieht. Jedenfalls eines mit langem Schwanz, relativ schmächtigen Körper und kräftigem Schädel, wobei eine Mähne nicht unbedingt dazu zu denken ist, da das Ungeheuer ja weiblich war. War es eine Art Wildkatze,  war es etwas anderes? Im Grunde ist es für die Zielsetzung unserer Betrachtung gleichgültig. Bellerophontes tötete das Wesen aus der Luft, mit Pfeil und Bogen und mit einem Speer mit Bleispitze.

 

Die thebanische Sphinx gibt jedenfalls mehr Rätsel auf, als die Chimera. Mit Frauenoberkörper, Frauenkopf und Frauenarmen, mit Löwenkörper und Vogelflügel, mit Schlangenschwanz, mit Kannibalismus und mit der permanenten Frage nach einem erst vier‑ dann zwei‑ und endlich dreibeinigen Wesen fordert sie die männliche Jugend der Stadt heraus.

 

Ödipus wusste die richtige Antwort "der Mensch", heiratete die Herrscherin, die unglücklicherweise, - was er nicht wusste, - seine Mutter war, und wurde selbst Herrscher. Die Sphinx war so entsetzt darüber, dass sie Selbstmord beging, indem sie sich von einem Berg stürzte.

 

Prüfungen der Kandidaten, die sich um die Hand einer Herrscherin oder einer ihrer Töchter bewarben, sind für uns nichts Neues. Ein Rätsel, wie das der Sphinx, wirkt wie ein Teil einer solchen Prüfungsfolge. Der Name mag vom "bedrücken" kommen. Haben die Vorgriechen die ägyptischen Sphinx ‑ Skulpturen und -Malereien nach einem vorgriechischen Gedanken so genannt, oder ist die thebanische Gestalt nach den ägyptischen Vorbildern benannt ? Wir wissen es nicht, und wir brauchen es gar nicht zu wissen. Prüfungen werden für die Kandidaten immer bedrückend gewesen sein. Und die Kombination aus Löwe, Schlange, Raubvogel und Rätsel aufgebender Prüferin ist ein plakatives Sinnbild für eine typische Prüfungsfolge.

 

Thebens spätere Zerstörung und der damit verbundene zeitweise Bedeutungsverlust der Stadt mag die A‑iden zu besonders kreativen Leistungen bei der Schilderung von des Ödipus Prüfverfahren angespornt haben. Wahrscheinlich ist die genaue Abfolge der Prüfungen des Ödipus verloren gegangen, oder sie hat sich gegen die fantasievolle Variante mit dem Fabelwesen als Prüferin einfach nicht durchgesetzt. 

 

Die Hunde, ob Höllenhund Kerberos, ob andalusischer Orthos, ob sizilianische Skylla, geben uns keine sonderlich schwierige Aufgabe zu lösen. Im Gegensatz zu den harmlosen, dünnen, südlichen Kläffern wird es schon vor dreieinhalb Jahrtausenden kräftige, wolfsartige Tiere gegeben haben, die selbst einem Heros Herausforderung waren. Zu erörtern ist daher der Aspekt der Mehrköpfigkeit, der auch bei der Hydra, der Schlange aus dem argolischen Lerna, auftritt.

 

Es ist wohl am Wahrscheinlichsten, dass der Begriff der Mehrköpfigkeit ursprünglich aus einer Beschreibung des Rudelhaften kommt. Die Gruppe ist sowohl für Vor-, ­als auch für spätere Griechen kaum existent. Interessant sind immer nur Individuen. Auch bei den olympischen und den sonstigen Spielen gab es nie Mannschaften, sondern immer nur Einzelsportler. Auch die bekannten Zwillingspaare, Kastor und Polydeukes, Idas und Lynkeus, Amphion und Zethos, bestehen immer aus zwei gesondert charakterisierten Personen.

 

Ein Rudel Hunde oder eine Vielzahl von Schlangen war daher für die A‑iden nicht gerade gut als Gegner für Herakles, für Odysseus oder für Jason.

 

Es gibt für dieses A‑iden­ - Problem drei mögliche Lösungen: Man lässt das Rudel Rudel bleiben, weil einem nichts besseres einfällt, wie im Falle der stymphalischen Vögel. Man charakterisiert jedes einzelne Mitglied einer Gruppe so detailliert, dass letztlich nur mehr von Individuen berichtet wird, und nicht von einer Gruppe, wie im Falle der Argonauten. Oder man macht aus der Formulierung der vielen Köpfe in der Gruppe oder im Rudel, aus ihrer Vielköpfigkeit im wahrsten Sinne des Wortes, eine Vielköpfigkeit eines einzelnen Individuums, mit einem einheitlichen Charakter.

 

Man wird sich daher wohl die Skylla als ein Rudel von sechs "Köpfen" vorstellen müssen, den Kerberos als eines von drei "Köpfen", den Orthos als zwei stattliche Hunde und die Hydra als die vielen Schlangen, die zu einer Schlangenplage in einer Sumpflandschaft eben dazugehören. Und es macht Sinn, dass Herakles, alleine, des vielköpfigen Schlangenschwarms nicht Herr wurde, und dass er sich von Iolaos helfen lassen musste, der ihn dann, zweckmäßiger Weise mit Feuerbränden, unterstützte.

 

Die Seeungeheuer von Jaffa und Troja, denen Andromeda und Hesione zum Fraß vorgeworfen werden sollten, als Opfer, lassen zuerst einmal an andere, ähnliche, Opferungen denken, bei denen allerdings keine Ungeheuer im Spiel waren: An die Opferung der Iphigenie etwa durch ihren Vater Agamemnon, aber auch an die Opferung des Pelops durch Tantalos und die des Menoikos vor Theben im Krieg gegen die Sieben.

 

Menschenopfer wird es in der mykenischen Zeit, entsprechend diesen Geschichten, wohl tatsächlich gegeben haben. Allerdings: Mit Ausnahme des Menoikos überleben alle "Opfer". Zusätzlich hat Tantalos seine Qualen im Tartaros nicht zuletzt als Strafe wegen der Opferung seines Sohnes, der dann allerdings gerettet wurde,  zu erleiden.

 

Es gab demnach damals offenbar zwei widerstreitende Meinungen: Zum einen jene, dass die Götter durch ein Menschenopfer günstig gestimmt werden können, ‑ zum anderen jene, dass gerade ein Menschenopfer ein Vergehen ist, das von den Göttern besonders schwer bestraft wird.

 

Ein Kompromiss zwischen diesen beiden Meinungen wird in den Geschichten der Andromeda und der Hesione dargestellt: eine Art Gottesurteil.

 

Die Götter sollen dazu gezwungen sein, selbst zu urteilen, ob sie ein Opfer wollen, oder nicht. Eine Herrscher- Tochter wird einem Ungeheuer zum Fraße vorgesetzt, ein Heros kann sie retten.

 

Für den Heros ist das dann zugleich die Probe, oder eine der Proben, auf die wir schon mehrfach gestoßen sind. Der Heros kann, so er gegen das Ungeheuer siegt, die Herrscher- Tochter heiraten, und er kann dadurch in die Adelsfamilie des jeweiligen Herrscherhauses aufgenommen werden. So heiratete nach einigen Widerständen dann Perseus die Andromeda, und Herakles bekam die Hesione, die er dann allerdings an den Telamon weitergab.

 

Ein Ungeheuer, das aus dem Wasser kommt, um jemand am Strand anzugreifen, kann beispielsweise ein Krokodil gewesen sein, das wohl auch damals in Phrygien, - oder „Wilusa“, - nicht heimisch gewesen sein konnte, dessen Import nach Troja für die transporttechnisch versierten Vorgriechen jedoch nicht wirklich ein Problem gewesen wäre. Es sind eine Reihe von Varianten vorstellbar, welche Art Tiere die beiden Ungeheuer gewesen sind. Sie müssen für vorgriechische Begriffe exotisch gewesen sein, sonst wären sie jedenfalls beim Namen genannt und nicht als Ungeheuer dargestellt.

 

Als letzte Ungeheuer, die es zu erörtern gilt, verbleiben die Harpyen, ekelhafte, geflügelte, weibliche Kreaturen aus Kreta, auf die die Argonauten in Ostthrakien, am Marmarameer, in Salmydessos, trafen. Das Wort, von „Harpax“, Räuber, wird wohl Raubvögel bezeichnen. In der Odyssee sind sie für den Homer Synonym für jene Windkräfte, die Menschen zum verschwinden bringen. Man kann sie sich wohl eher als Seeadler oder Ähnliches vorstellen, als als geflügelte Frauengestalten. Der  Inhalt der Mythe braucht dadurch nicht verändert zu werden.

 

 

 

 

Der Bronzemann Talos

 

 

Der stierköpfige Bronzediener des Minos soll ein Werk des Hephaistos gewesen sein. Er soll von Zeus dem Minos zur Bewachung Kretas zur Verfügung gestellt worden sein. Er hatte nur eine einzige Ader, die von seinem Nacken bis zu seinen Fußknöcheln verlief, wo sie mit einem Zapfen aus Bronze verschlossen war. Als Blut diente ihm der farblose Lebenssaft der Götter.

 

Dreimal am Tag konnte er Kreta umrunden. Sofern er dies in Küstennähe tat, musste er dabei wohl oder übel 2250 Kilometer zurücklegen, tausendvierhundert Seemeilen. Er muss dabei eine Geschwindigkeit von nahezu hundert Kilometer pro Stunde erreicht haben, immerhin so um die sechzig Knoten. Heutige Verkehrsmittel zu Wasser und Land, seien es Schiffe oder Fahrzeuge, könnten das nicht.

 

Der Talos konnte Steine auf fremde Schiffe werfen, ‑ doch offenbar nicht sehr weit, denn Medea konnte vom Schiff aus ohne Probleme mit ihm reden, um ihn vom Steine ‑ Werfen abzuhalten. Er konnte sich glühend heiß machen, um Angreifer zu verbrennen. Außerdem konnte er durch die Dörfer Kretas gehen und Minos' Gesetze verkünden, die auf bronzene Tafeln geschrieben waren.

 

Medea tötete ihn, als sie mit den Argonauten auf Kreta war, indem sie den Zapfen aus seinem Fuß zog, nachdem sie ihn eingeschläfert hatte. Er verblutete.

 

Sein Name ist nicht unüblich gewesen. Der Schüler und Neffe des Dädalos hieß auch "Talos". Die beiden Silben kommen auch in den Namen „Tantalos", ‑ der allerdings meist anders erklärt wird, und "Dädalos" vor. Waren sie frühgriechisch ‑  indoeuropäisch? Waren sie altkretisch?

 

Was kann der Talos gewesen sein? Dargestellt wird er wie ein technisches Wunderwerk an militärischen Amphibienroboter, dem zum Schluss der Treibstoff ausgelassen wird. War der Talos eine Art frühe science - fiction ‑ Gestalt phantasievoller A‑iden und Mythographen, oder verbirgt sich etwas, das es tatsächlich gegeben hat, hinter der Mythe?

 

Die Mythe selbst liefert bereits einige Ansatzpunkte, die die „harten Fakten“ des geschilderten Fabelmäßigen relativieren:

 

Wir haben es bei der Talos ‑ Geschichte, ‑ nicht zum ersten Mal, ‑ mit einer kretischen Angelegenheit zu tun, über die von A‑iden berichtet wird, die nicht aus Kreta kommen, sondern, wie der Expiditionsleiter Jason und seine Stammbesatzung, aus Magnesien, wie der Expiditions – A-ide Orpheus, aus Thrakien, oder, wie gut ein Drittel der Mannschaft, aus der Argolis und den übrigen Landkreisen der Peloponnes Der Talos stellt sich daher in der Mythe so dar, wie ihn ankommenden Kreta ‑ Fremde zu sehen bekamen, und nicht zwangsläufig so, wie ihn die Kreter selbst kannten.

 

Ausgehend von den späten Fassungen der Argonauten – Saga, sollte man meinen, dass die Argonauten und ihr A‑ide Orpheus über die kretischen Gegebenheiten trotzdem gut informiert gewesen sein müssen: Immerhin waren doch mit den beiden Ariadne – und – Dionysos ‑ Söhnen „Phanos“ und „Staphylos“ zwei Kreter an Bord. Bei eingehender Betrachtung kommen darüber jedoch Zweifel auf. Phanos und Staphylos können zur Zeit der Argonautenfahrt kaum schon erwachsen gewesen sein. Wurden sie, entsprechend dem aufgezeigten Interesse der A‑iden an aus allen Teilen der vorgriechischen Welt besetzten Geschichten, nicht später vielleicht „hineingedichtet“, damit kretische Zuhörer auch Landsleuten darin begegnen konnten? Da den beiden kaum eine Rolle in der Argonautensaga zukommt, und ihr Wegfall die Erzählung nicht nennenswert verfälschen würde, kann man wohl davon ausgehen.

 

Außerdem erscheint es aufgrund der inneren Logik der Mythe mehr als zweifelhaft, ob die Argo in der ursprünglichen Version der Geschichte tatsäch­lich auf Kreta gewesen ist. Auf dem Weg von Kolchis oder Poti in Georgien nach Iolkos oder Volos in Magnesien kann man in der Praxis wohl nie nach Kreta verschlagen werden. Es ist jedoch einsichtig, dass es nicht nur im Interesse der A‑iden gelegen ist, die Argo aus allen Teilen der vorgriechischen Welt zu besetzen, sie sollte darüber hinaus womöglich auch in allen Teilen der vorgriechischen Welt angelegt haben, ob dies nun logisch erklärbar war, oder nicht: in Sizilien, auf Korfu, in Libyen und auf Kreta, auf Anaphi und auf Ägina. Die Argo musste daher wohl oder übel von der „verkehrten“ Seite nach Jolkos zurückkehren. Für die Expeditionsgeschichte an sich ist es ohnehin ziemlich gleichgültig, ob die Argo von der Donaumündung auf direktem Weg oder auf einem Umweg heimgekehrt ist.

 

Wenn man am Kreta‑Aufenthalt der Argo zweifelt, muss man wohl genauso daran zweifeln, dass der Expeditions – A-ide, der „Orpheus“, es war, der im Rahmen der Argonautengeschichte zuerst über den Talos berichtet hat.

 

Übrig bleibt eine „Talos“ - Geschichte, die zwar von unkontrollierten Seemannsgarn überwuchert ist, aber immerhin bedeutend genug war, später in die Argonautensaga aufgenommen zu werden: Es geht um die Darstellung der kretischen Schiffs‑ und Seeräuberabwehr in den Augen ungenannter Nicht ‑ Kreter, wie sie auch die Argonauten vorgefunden hätten, wären sie auf Kreta gelandet.

 

Somit kommen wir zu einem Thema, das wahrscheinlich das heikelste Thema der vorgriechischen Seefahrt gewesen ist: das Anlanden.

 

Wellenbrecher im heutigen Sinn gab es nicht in den Häfen. Naturhäfen, die keine Wellenbrecher benötigen, sind selten, speziell auf Kreta. Dort stehen mit Souda und Elounda auf siebenhundertfünfzig Kilometer Küstenlinie lediglich zwei vollwertige Naturhäfen zur Verfügung. Überdies sind in diesen beiden Naturhäfen vergleichsweise lange unproduktiven Fahrstrecken, in der Regel Strecken, die nicht gesegelt werden können, sondern die zu rudern oder zu paddeln sind, nötig. Daher haben beide Häfen in Antike und Vorantike trotz ihrer Geschütztheit nicht als sonderlich bevorzugt gegolten. Seegang und Wind, Untiefen und Klippen müssen das Anlanden, besonders in einem fremden Hafen, jedes mal von Neuem zu einem riskanten Manöver gemacht haben.

 

Wir wissen, - und dies sogar zweifelsfrei, - wie die Menschen damals auf diese Gefahren reagiert haben. Es ist auf dem Schiffsfresko aus Akrotiri auf Santorin dargestellt: Die Schiffe werden in der Nähe der Landestelle nicht gerudert, sondern sie werden gepaddelt. Die Segel sind gerefft. Der Mast ist umgelegt. Zudem wird das "Olkäon" nachgeschleppt, eine Holzkonstruktion, die wohl die Aufgabe gehabt haben muss, das Heck beim Paddeln in Strömung, Dünung und Brandung immer schön hinten zu halten und zu verhindern, dass sich das Schiff unvermutet dreht.

 

Sofern wir dieses Fresko, wie es wohl das Naheliegendste ist, als das „Musterbuch“ eines Schiffsvermieters ansehen, der seinen Kunden seine Flotte präsentiert, wie heute ein Autovermieter seine Wägen, ­können wir erkennen, dass gerade die Einrichtungen, die der sichern Anlandung dienen, die ausschlaggebenden gewesen sind. Wir sehen acht Schiffe auf See, fünf Schiffe im Hafen liegend, davon drei offenbar auf den Strand gezogen, - und ein Ruderboot, der Flotte voranfahrend, wie ein Lotsenschiff. Von den acht Schiffen auf See werden sechs gepaddelt, eines steht unter Segel und eines, das letzte, das noch am weitesten draußen, auf See, ist, wird gerudert. Dieses geruderte Schiff und jenes unter Segel sind auch jene zwei von allen acht Schiffen, die das "Olkäon" nicht draußen haben. In lediglich drei der acht Schiffe ist der Mast aufgerichtet.

 

Wir sehen: Die Intention des Bildes ist es, ausnahmslos alle Betriebsfälle darzustellen, vermutlich potentiellen Kund/innen gegenüber. Während für den Betriebsfall "unter Segel" und für den Betriebsfall "unter Rudern" jeweils eine einzige von acht Darstellungen als ausreichend empfunden wurde, wollte man mittels der sechs gepaddelten Boote zeigen, wie wichtig der Aspekt einer sicheren Anlandung genommen wird, und wie sicher Ladung und Passagiere auf diesen Schiffen somit sind.

 

Achtzehn braun gebrannte Männer im Lendenschurz warten auf einem rotbraunen Balken, der wohl den Anleger vorstellen soll. So viele Arbeiter wurden offenbar als notwendig erachtet, das erste hereinkommende Schiff beim Andocken zu sichern und zu vertäuen, vielleicht auch gleich zu entladen, dass es ohne Verzug auf einen sicheren Strand gezogen werden konnte, wie wir das von den Danaerschiffen aus der Ilias kennen.

 

Alle diese Umstände verdeutlichen, dass es viel mehr als Problem gesehen wurde, Schiffe sicher anlanden zu lassen, als unliebsame Schiffe vom Land fern zu halten. Das Anlanden gegen den Willen der Landbewohner dürfte auch ohne besondere Abwehrmaßnahmen alles andere als einfach gewesen sein. Allerdings war es, naturgemäß, dann eher möglich, wenn es unbemerkt von statten gehen konnte. Daher war trotz aller das Anlanden erschwerenden Umstände ein gewisses Maß an Präsenz der Landbewohner gegenüber unliebsamen Ankömmlingen an allen Häfen und Stränden vonnöten. In Anbetracht der selten anders als felsigen Küste Kretas war es eine leistbare Aufgabe, eine derartige Präsenz vorzusehen. Darüber hinaus wird auch entsprechendes Gerät zum Abwehren ungewünschter Anlandungen erforderlich gewesen sein, - womit wir zurück beim Talos sind:

 

Steine gegen fremde Schiffe zu werfen, bietet sich an. Pfeile, Lanzen oder sonstige mühsam produzierte Geschosse sind ja wohl in vielen Fällen verloren, wenn sie einmal ins Meer gefallen sind.

 

Glühendes Metall hat sicher praktische Vorteile: ist die Besatzung aus Furcht vor der Hitze einmal ins Wasser gesprungen, wird man sich vor ihr nicht mehr sehr zu fürchten gehabt haben. Außerdem kann man eine glühende Stange nicht anfassen, etwa um daran zu ziehen.

 

Ein Schild oder Panzer, am besten aus Metall, wird notwendig gewesen sein. Andernfalls hätten sich die Eindringlinge die Anlandung unter Umständen mit Pfeil und Bogen erzwingen können. Ein derartiger Panzer konnte nicht stationär sein, da ja sonst das fremde Schiff lediglich eine Pfeilschusslänge weiter hätte fahren müssen, um der vom Panzer ausgehenden Gefahr auszuweichen. Er musste zwangsläufig mobil sein, und sogar schneller zu Lande unterwegs, als ein Schiff auf dem Wasser, wofür damals allerdings bereits eine Geschwindigkeit von zehn Kilometer pro Stunde ausreichend gewesen sein muss. Die wesentlichen Elemente des Talos, wir sehen es, konnten ohne weiteres an jedem kretischen Hafen vorhanden gewesen sein.

 

Die Legende über die unglaubliche Geschwindigkeit des Talos mag sich vielleicht verbreitet haben, weil Schiffer, denen in einem Hafen die Anlandung mit Hilfe eines "Talos" ‑ Gerätes verweigert worden ist, im nächsten Hafen den „Talos“ erneut vorfanden, ebenso im Übernächsten, und so weiter.

 

Medeas Gespräch mit dem Talos vom Schiff aus, muss, ob es nun tatsächlich stattgefunden hat, oder nicht, für die Zuhörer der A‑iden logisch gewesen sein. Daraus folgt, dass es offenbar ganz normal war, fremde Schiffe bis auf Rufweite heran zu lassen, und sich dann, vom sicheren "Talos" ‑ Panzer geschützt, ein Bild darüber zu machen, ob man sie anlanden lässt, oder nicht. In der Mythe lässt der Talos die Argo anlanden, weil Medea ihm einen Zaubertrank versprochen hatte, der ihn unsterblich machen sollte. In der Wirklichkeit der Mythe war der „Zaubertrank“ dann allerdings ein Schlafmittel.

 

Die Sache mit der einen Ader, mit dem farblosen Lebenssaft der Götter darin, mit dem Stöpsel an der Ferse, den Medea herauszog, all dies passt nicht zu den bisherigen Überlegungen über den Talos. Man mag dabei weniger an einen Panzer denken, als an ganz etwas anderes, - nämlich an die typischen kleinen Opfergefäße, die Rhyta. Der „farblose Lebenssaft der Götter“ könnte in diesem Falle Stierblut ‑ Plasma gewesen sein, das farblos ist und nicht gerinnt.

 

Rhyta in Stierform waren üblich. Wir kennen schöne Beispiele davon, Prachtstücke der Museen. Eine Auslassöffnung unten, gleichsam an der Ferse, war allgemein gebräuchlich bei einem Rhyton. Ein Entleeren könnte dem Rhyton seine mythische Bedeutung genommen haben, sozusagen seine Kraft. Wer weiß es? Für die Talos ‑ Mythe ist diese Überlegung, die zur Möglichkeit eines Talos – Rhyton als Ergänzung zu einem Talos – Panzer führt, zwar eine denkbare Erklärung der Entstehung von Details der Geschichte, im übrigen jedoch eher unbedeutend.

 

Die Talos ‑ Mythe jedenfalls ist außerkretischer Abstammung. Sie fasst Halbwahrheiten und Seemannsgarn zur kretischen  Schiffsabwehr zusammen und vielleicht auch zu ihrer Ergänzung durch mythisch – rituelle Gebräuche, und wurde, offenbar nachträglich, zur Argonautensaga dazu genommen, damit auch Kreta darin vorkommt. Das Fabulöse daran erklärt sich deshalb von selbst.

 

 

 

 

Des Helios goldene Schale

 

 

Als Herakles als seine zehnte Arbeit das Vieh des Geryon von der Insel Erytheia holen sollte, offenbar rotfarbene Rinder, stellte ihm der Sonnentitan Helios eine goldene Schale, wie eine Seerose geformt, für die Überfahrt zur Insel zur Verfügung. Diese goldene Schale wird in anderen Quellen eine bronzene oder eherne Urne genannt. Herakles kam damit, trotz einigen Schwankungen auf den Wellen, wohlbehalten auf der Insel an. Er führ auf dem selben eigentümlichen Wasserfahrzeug auch wieder zurück, und war offenbar in der Lage, damit auch die Rinderherde zu transportieren.

 

Die Sache klingt aufs erste sehr fabulös. Erytheia wird am ehesten mit der andalusischen Stadt Cadiz gleichgesetzt, die in den alten Zeiten tatsächlich auf einer Insel lag, die inzwischen längst durch Aufschüttungen mit dem Festland verbunden ist. Herakles kam zu Schiff in diese Gegend, wie wir hören, über Kreta. Aus welchem Grund fuhr er nicht ebenfalls auf einem ganz normalen Schiff zur Insel hinüber? Aus welchem Grund benötigte er ein Gerät, das für die damaligen  Menschen so ungewöhnlich gewirkt hat, dass man es gar nicht als Schiff bezeichnen konnte und dass es sogar einer Göttergestalt, dem Helios, zugeordnet wurde?

 

Die antiken Autoren sind sich darüber einig, dass es aus Metall war, kein Schiff, sondern ein "depas“, und dass es auf dem Wasser schwamm. Unter einem „depas“, einem Gefäß, einem Topf, einer Schale, einem Pokal oder einer Urne wird man sich wohl etwas vorzustellen haben, das nicht länglich, wie ein Schiff, sondern rund, wie eine Seerose, ist. Mit einem derartigen Gefährt kann man nicht segeln. Man kann es auch nicht rudern, oder paddeln. Es zu bewegen bräuchte es offenbar andere Kräfte, als die in der kretisch ‑ mykenischen Seefahrt bekannten. Der Sonnengott hatte es zu treiben, ähnlich wie er die ebenfalls runde Sonne über den Himmel zieht.

 

Bevor wir uns mit der übernatürlichen Erklärung abfinden und die ganze Geschichte als mythisch verbrämte Darstellung unbekannter Fernen abtun, ist es wert, dass wir  die örtlichen Gegebenheiten genauer betrachten: Der Atlantik ist einer Erscheinung unterworfen, die es im Mittelmeer nur unmerklich gibt: den Gezeiten, der Ebbe und der Flut. Ein Gezeitenstrom oder gar ein Watt muss für Seefahrer, gerade wenn sie weit gereist waren und das ganze Mittelmeer einschließlich des Schwarzen Meeres kannten, etwas derart Absonderliches gewesen sein, dass für sie das Walten übernatürlicher Kräfte fürs erste wohl die plausibelste Erklärung dieser Phänomene gewesen sein wird.

 

Jene Vorgriechen, die sich an den fernen Atlantikküsten bereits angesiedelt hatten, und die die Gezeiten seit Jahr und Tag kannten, hatten dazu klarerweise eine andere Einstellung entwickelt, als die Mitglieder der Expedition des Herakles. Sie haben sicherlich die hoch entwickelte kretisch ‑ mykenische Technik auch auf die Erscheinung der Gezeiten angewendet, und sie genützt, wo es nur ging.

 

Stellen wir uns eine Fähre vor, die den Gezeitenstrom als Antriebsmittel nützt: Mit dem Ebbstrom von der Festlandsküste zur Insel, mit der Flut wieder zurück. Eine derartige Fähre „stände" gleichsam im strömenden Wasser und bedürfte nicht der langgestreckten Schiffsform, die dazu dient, bei der Fortbewegung im Wasser möglichst wenig Widerstand zu bieten und günstige Rudererpositionen zu gewährleisten. Sie hätte größtes Ladevolumen bei geringster Oberfläche, wenn sie rund wäre, wie eine Seerose, wie eine Schale oder wie ein Topf. Das getrieben Werden brächte größere Gefahren mit sich, irgendwo anzustoßen oder am Watt zu stranden, als dies bei normalen Schiffen der Fall ist. Daher wird zum Schutz sicher weit mehr Metall verwendet worden sein, als bei normalen Schiffen. Das Metall mag Bronze gewesen sein, zur Verzierung vielleicht auch Gold, ‑ das damals seltene und wegen des Rostens auch ungeeignete Eisen wohl weitaus weniger.

 

Es mag sogar der Fall gewesen sein, dass ein normales Schiff sich in Küstengebiete mit starkem Gezeitenstrom wegen der Untiefen und wegen der Strudel gar nicht wagen durfte, dass etwa Herakles mit seinem Schiff oder seinen Schiffen gar nicht auf die Insel Erytheia gelangen konnte, dass er gezwungen war, dazu das einzige Fahrzeug zu benützen, mit dem man Erytheia erreichen konnte: die seltsame Fähre, die goldene Schale des Helios.

 

Eine derartige Erklärung würde, nimmt man an, sie trifft die Wahrheit, den antiken Mythographen und den A‑iden davor ein verblüffend gutes Zeugnis, betreffend die Getreulichkeit der Wiedergabe über viele Jahrhunderte hinweg, ausstellen: Schon bald nach der Zeit des Herakles brach der vorgriechisch - mykenische Fernhandel in kriegerischer werdender Zeit zusammen. Es gab niemand mehr, der vom Land jenseits der Säulen des Herakles, von der Atlantikküste, berichten konnte.

 

Die A‑iden kannten daher in diesen Zeiten die Gegebenheiten im Raume Cadiz nicht mehr. Sie konnten sich auch nicht vorstellen, aus welchen praktischen Gründen der Herakles ein schalenartiges Seefahrzeug, ganz oder teilweise aus Metall, benützt haben könnte. Trotzdem haben sie Form, Material und die gleichsam übernatürlichen Kräfte des Antriebes so genau wiedergegeben, dass hinsichtlich der Funktionsweise kein Fehler festgestellt werden kann.

 

Man könnte sogar meinen, der Vergleich mit einer Seerose schlösse nicht nur die Form ein, sondern auch den Umstand, dass es ein Seilwerk gegeben haben muss, das geeignet gewesen ist, die Fähre sowohl am Inselhafen als auch am Festlandhafen aus dem Gezeitstrom heraus zu ziehen. Die Fähre war also, zumindest im Hafenbereich, wohl notwendiger Weise durch ein Seil in gleicher Weise mit dem Land verbunden, wie eine Seerose durch den Stängel mit dem Grund,

 

Wenn wir aus der Angelegenheit mit des Helios goldener Schale und deren in Unkenntnis der Funktionsweise getreulichen Überlieferung schließen dürfen, dass auch andere Mythen eine vergleichbare Wiedergabetreue aufweisen, dann müsste unser Vertrauen in die griechische Mythologie als Ganzes wachsen, dass sie nämlich, zumindest teilweise, die Zeit der mykenischen Griechen, die real existiert habenden Personen und die tatsächlich stattgefundenen Ereignisse wiedergibt, - dass sie sohin mehr Geschichte und weniger Mythe ist, als weitgehend angenommen wird.

 

 

 

 

Die Amazonen

 

 

Den griechischen Mythen sind kriegerische, selbständige und einflussreiche Frauen nichts Fremdes. Derartige Frauen werden in bestimmten Fällen "Amazonen" genannt. Dies erfolgt immer dann, wenn solche Frauen den als solche ausdrücklich bezeichneten Amazonenvölkern angehören. In allen anderen Fällen werden sie nicht Amazonen genannt, sind jedoch häufig den Amazonen, wie sie von den Mythographen geschildert werden, außerordentlich ähnlich.

 

Daher seien zuerst die kriegerischen, selbständigen und einflussreichen Frauen der Mythen insgesamt betrachtet, ohne vorerst auf die Amazonen einzugehen. Wir hören in den Mythen, was derartige Frauen betrifft, von zwei verschiedenen gesellschaftlichen Rollen, die bei den Amazonen in der Regel zur Deckung gelangen:

 

Da ist zum einen der Typ der Realpolitikerin.

 

Medea ist ein markantes Beispiel für diesen Frauentyp. Sie war drei mal an verschiedenen Orten Königin: Herrscherin in Korinth, Herrschersgattin in Athen und Co – Herrscherin mit ihrem Vater im kolchischen Pharsis, - das heute das georgische Poti ist. Andere Realpolitikerinnen sind die lydische Herrscherin Omphale aus der Herakles ‑ Mythe, die lemnische Herrscherin Hypsipyle aus der Argonautensaga, die später als Sklavin nach Nemea kam, Kyrene, die libysche Herrscherin, Libya als Herrscherin über Vorgriechen in Ägypten, und, mehr aus dem Kontext zu erschließen, als tatsächlich zu lesen, Europa und ihre Enkelin Ariadne in Knossos auf Kreta.

 

Am Beispiel der Penelope können wir sehen, dass es selbst noch am Ende der mythischen Blütezeit nichts Außergewöhnliches war, wenn eine Herrschersgattin bei Abwesenheit ihres Ehemannes, des Herrschers, selbst die Herrschaft übernahm, selbst für den langen Zeitraum von zwanzig Jahren.

 

Jene Herrscherinnen, die zusammen mit ihrem Gatten, dem Herrscher, auftraten, waren, schon wegen der häufig matrilinearen Erbfolge, politisch bedeutender, als es auf den ersten Blick scheinen mag, wenigstens vor der kriegerischen Endzeit mit den Kämpfen von Troja und Theben. In der Argolis und in Theben, in den Zentren der mykenischen Kultur, hat man wohl später, in patriarchalisch gewordener Zeit, die politische Bedeutung der Herrscherinnen, von der Pelops ‑ Gattin Hippodameia bis Klytaimestra, von Harmoneia bis Jokaste, nicht mehr so recht wahrhaben wollen.

 

Neben dieser Rolle von Frauen als Realpolitikerinnen gab es als die zweite der gesellschaftlich hochwertigen Frauenrollen jene der „Kriegerin“ und Jägerin.

 

Atalante ist dafür das markanteste Beispiel, die Argonautin, der schnellste Mensch auf Beinen zu ihrer Zeit, schneller, als der schnellste Mann, - jene Frau, die bei Begräbnisspielen den Heros Peleus im Ringkampf besiegte, und die den kalydonischen Keiler zur Strecke brachte, trotz all der Heroen, die an dessen Jagd teilnahmen. Sie wäre später sicherlich auch zu einer namhaften Politikerin geworden, wäre sie nicht früh gestorben.

 

Weitere Beispiele finden wir mit der jungen Kyrene vom magnesischen Pelion, wo auch die Kentauren zu hause waren, die wie Herakles Löwen niederringen konnte, ‑ später wurde sie, wie gesagt, Herrscherin in Libyen, ‑ und mit Prokris, der Tochter des Athener Herrschers Erechtheus, mit ihrem nie fehlenden Pfeil und ihrem berühmten Jagdhund Lailaps. Im Olymp entsprachen die beiden Göttinnen Artemis und Athena diesem kriegerischen Frauentyp, immerhin zwei von zwölf olympischen Gottheiten. Dies mag als Anzeichen dafür zu verstehen sein, dass dieser Frauentypus auch innerhalb der menschlichen vorgriechischen Gesellschaft nennenswert verbreitet gewesen sein muss.

 

Nun zu den Amazonen selbst:

 

In der Dionysos ‑ Mythe hören wir von Amazonen- Herrscherinnen bei vorgriechischen Libyern im Nildelta, Pharos gegenüber, die mit den Leuten des "Ammon", vielleicht Ägyptern des Pharao, vielleicht Auslands ‑ Vorgriechen, ‑ und mit Dionysos verbündet waren. Ihre bedeutendste Herrscherin war Myrine. Sie führte ihr Heer bis nach Marokko zum Atlasgebirge und bis nach Thrakien in Nordgriechenland. Diese Amazonen mussten später nach einem Aufruhr aus Nordafrika fliehen. Dionysos war unter ihren Verfolgern. Sie gelangten nach Ephesos und nach Samos.

 

Andere Amazonen lebten an der Küste des Schwarzen Meeres. Sie kommen in der Herakles – Mythe und in der Theseus ‑ Mythe vor. Sie verwendeten Pferde im Kampf, trugen bronzene Bögen und halbmondförmige Schilder. Helme, Kleider und Gürtel wurden aus den Fellen wilder Tiere hergestellt. Die Herrscherin Lysippe hatte das Gesetz festgelegt, dass die Männer Hausarbeiten ausführen mussten, während die Frauen regierten und kämpften. Sie stammten vom Amazonenfluss, dem Tanais, heute der Don. Die Herrscherinnen Marpesia, Lampado und Hippo weiteten das Amazonengebiet aus. Sie kamen unter anderem nach Thrakien, nach Izmir und, diesmal von der anderen Seite, ebenfalls nach Ephesos.

 

Zur Zeit des Herakles neunter Arbeit, jener mit dem Amazonengürtel, herrschten die drei Herrscherinnen Hippolyte, Antiope und Melanippe über die Amazonenstädte. Die bedeutendste Stadt war Themiskyra am Thermodon, südlich des Schwarzen Meeres, eine Gründung der Lysippe.

 

Antiope zog dann, - ob freiwillig, oder nicht, ist unklar, - mit dem Theseus nach Athen und wurde seine stets treue Gattin. Ihre Schwester Oreithyia folgte ihr mit einem Heer aus Amazonen und aus mit ihnen verbündeten Skythen auf dem Landweg. Unter „Skythen“ muss man hier wohl die Bewohner jener Landstriche verstehen, in denen später die Skythen siedelten. Oreithya und ihre Leute belagerten die Stadt Athen, allerdings erfolglos. Die Amazonen mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Diese Amazonen zogen sich sodann an den Fuß des Kaukasus, nahe Kolchis, zurück. Ihre Herrscherin Penthesilea kämpfte Jahre später für den Herrscher Priamos vor Troja und wurde von Achilles getötet.

 

Die Amazonen müssen Vorgriechinnen gewesen sein. Es gibt keinen Hinweis, dass es irgendwelche Verständigungsprobleme in der vorgriechischen Sprache gegeben hätte.

 

Es ist ein interessantes Detail, dass, sowohl was die Amazonen der Schwarzmeerküste als auch was jene aus Libyen betrifft, jeweils von einem nicht amazonischen Nachbarstamm berichtet wird. Dieser Stamm wird am Schwarzen Meer „Garganeser“, in Libyen „Gorgonen“ genannt. Ist die Ähnlichkeit dieser Namen Zufall? Sofern es sich nicht um einen Zufall handelt, wird wohl A‑idische Assoziation dazu geführt haben.

 

Die Gorgonen werden als Gegner der Amazonen dargestellt, die Garganeser jedoch als symbiotisch mit den Amazonen lebend. Es wird sogar berichtet, dass junge Amazonen und junge Garganeser einander auf dem zwischen ihren Gebieten liegenden Berg treffen und dort für zwei Monate im Jahr zusammen leben. Die daraus resultierenden Kinder werden dann je nach Geschlecht den Amazonen oder den Garganesern zugeteilt.

 

Die Bezeichung "a‑mazon" bedeutet auf Griechisch "busenlos" oder allenfalls auch "busenfrei". In der klassischen Antike wurde dazu assoziiert, die Amazonen hätten sich eine der beiden Brüste abnehmen lassen, um besser Bogenschießen zu können. Diese Erklärung erscheint funktionell absurd und ist wohl nur darauf zurück zu führen, dass die Hintergründe der Benennung in klassischer Zeit nicht mehr bekannt waren. Außerdem ist "Mazon" jedenfalls Mehrzahl und bezieht sich somit auf beide Brüste und nicht nur auf eine Brust.

 

Die Bezeichnung der Amazonen als „Busenlose“ ließe sich ohne Weiteres erklären, geht man davon aus, dass die weibliche Brust im Zuge eines Krafttrainings, wie es die Amazonen wohl betrieben haben müssen, immer kleiner wird, wie wir es von den heutigen Bodybuilderinnen kennen. Die schnoddrige Sprechweise der Vorgriechen, die einen Obelisken als "Spießchen" und ein Krokodil als "Kieswurm" bezeichnen konnte, kann dazu geführt haben, dass das rüpelhaft - herabsetzende "Busenlose" zum Begriff und schließlich zum Namen wurde. Viele Darstellungen aus kretisch – mykenischer Zeit belegen, dass gerade einer großen weiblichen Brust hohe Aufmerksamkeit gezollt wurde und sie in der festlichen Kleidung gebührend und sichtbar herausgestellt wurde. Das Abtrainieren der Brüste musste daher ganz besonders auffallen.

 

Man kann den Namen auch anders erklären, wenn man "a‑mazon" als "busenfrei" versteht. Dies könnte unter der Voraussetzung Sinn ergeben, dass die betont matriarchalischen Amazonen die busenfreie altkretische Frauen ‑ Festbekleidung auch noch zu einer Zeit beibehalten haben, als die sonstigen Vorgriechinnen längst mit verhüllter Brust erschienen.

 

Man wird die seinerzeitige Entstehung des Namens „Amazonen“ nicht mehr rekonstruieren können. Der antiken Schauergeschichte mit den Brustamputationen sind jedoch hiermit zwei schlüssigere Alternativen gegenübergestellt.

 

Gehören die Amazonen überhaupt dem Bereich der Fabelwesen zugezählt? Sind Vorgriechenstämme bei denen sich aus der altkretisch ‑ partnerschaftlichen Rollenaufteilung der Geschlechter kein Patriarchat sondern ein Matriarchat entwickelt hat, nicht vorstellbar? Können die dargelegten amazonenähnlichen Frauenrollen, immerhin auch von den A‑iden in patriarchalischer Zeit getreulich überliefert, nicht in den Randlagen der vorgriechisch ‑ mykenischen Welt da und dort die Überhand gewonnen haben?

 

Wir sehen am Beispiel der lemnischen Frauen, die, als die Argonauten kamen, ihre Ehegatten aus Eifersucht wegen junger thrakischer Konkubinen gerade vertrieben oder gar umgebracht hatten und die ihr Gemeinwesen nun ohne Männer betrieben, amazonenähnliche Tendenzen auch bei Frauen, die keinem Amazonenvolk angehörten.

 

Musste nicht auch der Verlust einer der jährlichen Expeditionen, die ja hauptsächlich aus Männern bestanden, sei es durch Sturm, durch Feinde oder aus einem anderen Grund, nicht automatisch zu einer zumindest vorübergehenden Frauenherrschaft führen, je mehr die betroffene Gemeinde am Rande der mykenischen Welt lag, desto eher? Können wir daher nicht einfach "Amazonen" im Sinne dieser Seiten für möglich halten und sie nicht von vornherein ins Reich der Fabel abschieben? Die Antwort auf diese Fragen kann wohl nicht anders als "ja" lauten.

 

Sicher, die Amazonen – und - Skythen ‑ Expedition nach Athen wird man sich nicht als mächtigen Heereszug vorstellen dürfen. Der damaligen vergleichsweise geringen Bedeutung von Athen wäre ein überschaubares Grüppchen berittener Damen und Herren, das beim Durchqueren von Thrakien, Thessalien und Böotien auch kein besonderes Aufsehen erregen konnte, auch angemessener gewesen. Die, fast als regelhaft zu bezeichnenden, späteren "Vergrößerungen", die die Rolle des frühen Athens aufwerten sollten, weggedacht, erscheint in diesem Sinne sogar die Amazonenbelagerung der Akropolis im Rahmen des Möglichen zu sein und nicht von vornherein ausgeschlossen.

 

 

 

 

Mit den Göttern an einem Tisch

 

 

Ixion, ein Lapithe aus Magnesien, war bei den olympischen Göttern auf Besuch. Tantalos, der Lyder, war auch dort und die Götter folgten überdies seiner Einladung zum Festmahl am Berg Sipylos nahe dem heutigen Izmir. Die Götter besuchten auch die Hochzeit von Harmoneia und Kadmos in deren Haus im böotischen Theben. Sie besuchten, etwa zwei Generationen später, die Hochzeit der Thetis mit Peleus aus Ägina in der Höhle des Kentauren Chiron am Berg Pelion, ebenfalls in Magnesien. Sie waren zusätzlich auch auf der Hochzeit von Peirithoos und Hippodameia anwesend, die in des Peirithoos Palast und der danebenliegenden Höhle, erneut in  Magnesien, gefeiert wurde. Schließlich kennt die Mythe sogar eine Hochzeit, die zwischen Mensch und Gott gefeiert worden ist. Es ist dies die Hochzeit der kretischen Herrscherstochter Ariadne mit dem Gott Dionysos auf der Insel Dia. Wieder zwei Generationen später treten Athena, Apollo, Hermes und die Erinnyen sogar in einem Prozess auf, jenem gegen Orestes in Athen.

 

In den Mythen wird im allgemeinen die Erscheinung eines Gottes in seiner eigenen Gestalt als tödlich oder zumindest lebensgefährlich für sein menschliches Gegenüber angesehen. Die angeführten sieben Fälle stellen diesbezüglich bemerkenswerte Ausnahmen dar. Niemand erleidet Schaden dadurch, dass sich die Götter zeigen, wie die unglückliche thebanische Semele, die Zeus sehen wollte und an seiner Erscheinung zugrunde ging.

 

Was die angeführten Mythen, in denen Menschen und Götter einender begegnen, betrifft, so muss man wohl die letztgenannte, die mit des Orestes Prozess vor den Göttern, vor jeder eingehenderen Diskussion ausscheiden. Des Aischylos faszinierende Bühnenidee, das Athener Publikum in die Suche nach der Antwort auf die Frage nach des Orestes Schuld einzubeziehen, kann kaum anders als als Bühnenidee des Jahres 458 vor Christus angesehen werden. Alte Mythe ist die dadurch bewirkte Begegnung von Göttern und Menschen wohl nicht.

 

Den anderen sechs Götterbegegnungen muss man sich, um sie verstehen zu wollen, auf zwei verschiedenen Wegen nähern: auf einem geographischen Weg und auf einem historischen Weg:

 

Zunächst zum geographischen Weg: An klaren Tagen kann man vom Berg Pelion aus, hinter der Pyramide der Ossa, weit im Norden, das schneebedeckte Olymp ‑ Massiv erkennen, fast dreitausend Meter hoch. Hohe Scheeberge in der Ferne, vom Süden her von der Sonne beschienen, sind mehr als andere Landschaften geeignet, Assoziationen bezüglich des Übernatürlichen anzuregen, besonders wenn ihre höchsten Gipfel, wie Skala, Skolio, Mytikas und Stefani im Falle des Olymp, den Umriss einer Burg oder eines Palastes wiederzugeben scheinen. Der Gedanke, „wenn es die Götter gibt, dann müssen sie dort oben wohnen", liegt nahe. Die Idee, die griechischen Götter und ihren Palast ausgerechnet auf dem Olymp anzusiedeln, muss in der Gegend des Pelion- Massives entstanden sein.

 

Dem Grunde nach entzieht sich der Wohnort der Götter einer geographischen Zuordnung. Insofern die Göttinnen und Götter der Griechen Darstellungen der typischen menschlichen Rollen, Eigenschaften und Schicksale sind, bevölkern sie, wie die Menschen, Häuser und Paläste, nur sind es idealtypische Häuser und der Palast der Götter ist ein idealtypischer Palast. Als idealtypischer Palast stellt er das Wesentliche aller irdischen Paläste in idealer Weise dar, und kann daher schwer an einem konkreten geographischen Ort angesiedelt werden. Er ist gleichsam ein Extrakt aus den Palästen von Knossos, Archanes und Aghia Triadha, von Mykene, Tiryns und Pylos, von Troja und von jenen, von denen nichts mehr übrig ist, wie dem, den es auch in Theben gegeben hat.

 

Allerdings, ob der Palast nun ins Nirgendwo gedacht wurde, oder auf den Olymp, weit weg von allen genannten realen Palästen und weit weg von allen bedeutenden Siedlungszentren der Vorgriechen, war dem Grunde nach egal. Die, eher an frühe anemistische Tendenzen erinnernde thessalische Meldung: "die Götter wohnen auf dem Olymp" brauchte nie bezweifelt werden. Man hatte einen Namen für den Ort des Palastes der Götter. Was brauchte man mehr ?

 

Die Laphithen waren jener der bekannten vorgriechischen Stämme, der zwischen den vorgriechischen Kulturzentren Kretas, Böotiens, der Peloponnes, Mysiens und Lydiens einerseits, und dem Olymp andererseits wohnte. Das Naheverhältnis der laphithischen Bewohner Magnesiens zum Olymp war daher ein geographisches.

 

Es würde dem praktischen Denken der Vorgriechen entsprechen, davon auszugehen, dass die olympischen Götter ihren Nachbarn öfter begegnen, als anderen Menschen, und dass daher diese Nachbarn in gewisser Weise gegen die verheerende Wirkung des Anblicks einer Göttin oder eines Gottes in ihrer oder seiner eigentlichen Gestalt geschützt sind. Daher spielen drei der sechs anfangs genannten Treffen zwischen Göttern und Menschen in Magnesien am Berg Pelion.

 

Nun zum historischen Weg zum Zugang zu den Götterbegegnungen: Die Übernahme der Macht durch Vorgriechen auf Kreta, in der Ägäis, auf der Peloponnes und auf dem griechischen Festland schaffte neue Voraussetzungen für alle Lebensbereiche und somit auch für die Entwicklung des Mythos. Man wird nicht anders können, als die Mythe von der Machtübernahme der Götter nach dem Sieg über das vorhergehende Göttergeschlecht, die Titanen, als das Abbild der irdischen Machtübernahme durch die Vorgriechen zu verstehen.

 

Nicht nur die Herrschaftsverhältnisse haben sich verändert. Nicht nur die in den Palästen geschriebene Sprache ist eine andere geworden. Auch die maßgeblichen Götter sind jetzt andere, als früher, wiewohl die früher an der Macht gewesenen Götter, die Titanen, weiter in der Mythologie gegenwärtig sind, allerdings nicht mehr in den beherrschenden, sondern in eher untergeordneten Rollen.

 

Wir können daher die Aussage, dass die Hochzeit von Harmoneia und Kadmos in Theben die erste Hochzeit war, bei der die olympischen Götter anwesend waren, auch so verstehen, dass bei allen Hochzeiten davor die vorherigen Götter, die Titanen, angerufen worden sind, und diese Hochzeit als erste unter Anrufung der neuen, der olympischen, Götter gefeiert wird.

 

Der Gedanke einer persönlichen Anwesenheit der Götter, sozusagen mit Handschlag bei Begrüßung und Verabschiedung, kommt einem ja nur dann, wenn man von der plausibleren Erklärungsmöglichkeit, dass mit einem mal die Götter und nicht die Titanen die maßgeblichen anwesenden Geister in den Augen der gläubigen Hochzeitsgäste gewesen sind, nichts weiß.

 

Dieser Gedanke bietet nicht nur für die thebanische Hochzeit eine schlüssige Erklärungsmöglichkeit. Er bietet sie auch für die beiden Hochzeiten am magnesischen Pelion, dessen urtümliche Bevölkerung vielleicht am längsten gebraucht hat, den Übergang zu den olympischen Göttern zu vollziehen, trotz, oder gerade wegen der geographischen Nähe zum realen Olymp – Massiv. Er bietet zusätzlich auch eine Erklärungsmöglichkeit für das Festmahl am Berg Sipylos. Die mit den neuen Göttern verbundene Änderung der Opfergebräuche, offenbar eine verstärkte Abkehr vom vorher weniger streng geahndeten Menschenopfer, erklärt zusätzlich die Idee der Verdammung des Tantalos, der sich ja zur Opferung seines Sohnes Pelops entschieden hatte.

 

Die Besuche des Ixion und des Tantalos auf dem Olymp, sowie die Hochzeit zwischen Mensch und Gott auf der Insel Dia, werden durch den beschriebenen Gedanken allerdings nicht erklärt.

 

Ixion, jener, der um Brautpreis zu sparen seinen Schwiegervater in einer Fallgrube verbrannte, war wohl jemand, zu dem unbedingtes Vertrauen nicht angebracht war. Wenn er, mutterseelen alleine, auf dem Olymp gewesen ist, und nachher erzählte, er habe an der Tafel der Götter gesessen, habe dort getrunken und gespeist, habe sogar versucht, Hera, des Zeus Gattin, zu verführen, dann wird man ihm aus heutiger Sicht nicht glauben, sondern zur Überzeugung kommen, es handle sich um einen Wichtigtuer, der zum eigenen Vorteil Bauernfängerei betreibt.

 

Tantalos mag vertrauenswürdiger gewesen sein. Aber auch Tantalos war, soweit die Mythen uns Auskunft geben, alleine auf dem Olymp, und konnte daher über das, das er dort vorfand, erzählen, was er wollte.

 

Auch heute würde man Einzelpersonen, die von fabulösen Erlebnissen erzählen, bei denen kein anderer Mensch zugegen war, etwa von Begegnungen mit dem Schneemenschen, nicht glauben, und man würde den Inhalt derartiger Erzählungen schon gar nicht als gesichertes Wissen ansehen. In diesem Sinne sind nicht nur des Ixions und des Tantalos Berichte über ihre Besuche bei den Göttern auf einen Wahrscheinlichkeitsgehalt zu reduzieren, wie ihn heute etwa ein Bericht über das Ungeheuer von Loch Ness hat, sondern auch all die Berichte über die Reisen in die Unterwelt, die es auch nur von Einzelpersonen, die vorgaben, alleine dort gewesen zu sein, gibt, von Herakles, Theseus, Orpheus, Odysseus und schließlich auch von Äneas. Sie alle mögen tatsächlich in einer der vielen weitverzweigten Höhlen Griechenlands gewesen sein und sich unter Umständen auch tatsächlich eingebildet haben, sie könnten die Schatten der Verstorbenen dort sehen.

 

Ganz anders müssen wir uns dem letzen Thema dieses Kapitels nähern, der Hochzeit zwischen Ariadne und Dionysos. Ariadne war zweifellos ein Mensch, eine der Töchter der Pasiphae und des Minos, eine kretische „Prinzessin“. Dionysos war ein Gott. -  Oder? -  War Dionysos zum Zeitpunkt seiner Hochzeit wirklich schon ein Gott? Müssten wir nicht vielleicht bezweifeln, dass Dionysos damals bereits vergöttlicht gewesen ist ?

 

Die Geschichte des Dionysos als jene des Sohnes der Semele, der Tochter von Harmoneia und Kadmos, beginnt als die Geschichte eines Menschen. Er soll in jungen Jahren in Ägypten gewesen sein, dort offenbar im Wein - ­Exporthandel tätig und überdies politisch aktiv. Er soll sich mit den libyschen Amazonen und mit Leuten eines Herrschers namens Ammon verbündet haben, und dazu beigetragen haben, dass dieser Herrscher Ländereien zurückerobern konnte.

 

Mit "Ammon" könnte, wenn er ein Herrscher war, und wirklich so hieß, einer der vier Pharaonen der achtzehnten Dynastie mit dem Geburtsnamen Amenhotep, griechisch meist Amenothes, deutsch meist Amenophis, gemeint gewesen sein. Auch Thutenchamun käme in Frage, oder einer jener ägyptischen hohen Beamten, die zur Zeit der genannte Pharaonen auf ihre gleichartig gestalteten Namen stolz waren, wie etwa Amenophis, der Sohn des Hapu, - sofern sich nicht ein vorgriechischer Anführer mit ägyptisierendem Namen dahinter verbirgt. Die ägyptische Toleranz einem vorgriechischen Weinexporteur gegenüber und die zeitliche Abfolge würde für den "Wirtschaftswunder ‑ Pharao" Amenophis den Dritten sprechen, oder zumindest für eine Person aus dessen Regierungszeit.

 

Nach der Rückkehr von Reisen fand Dionysos einen Aufruhr der mit ihm verbündet gewesenen Amazonen vor. Die Kooperation mit seinen anderen Verbündeten von früher offenbar aufrechterhaltend, trug er zur Vertreibung der Amazonen vom Nildelta übers Meer nach Samos und nach Ephesos im kleinasiatischen Lydien bei.

 

Danach, Dionysos mag mitte oder ende der Zwanzig gewesen sein, führ er nach Kreta und es kam zur Begegnung mit Ariadne, kurz nach der Rückkehr des Theseus nach Athen. Diese Begegnung fand auf einer Insel statt, die Dia heißt. Dia ist ein verbreiteter Name für kleine, größeren Inseln vorgelagerte Inselchen. Die in zehn Kilometer Distanz dem knossischen Hafen Amnissos gegenüber liegende, zweieinhalb Quadratkilometer große Insel heißt so, - ebenso das winzige Inselchen vor dem Hafen von Naxos ‑ Ort. Auch wenn es den Naxoten, die die Geschichte für ihre Insel reklamieren, nicht recht sein mag, wird wohl das kretische Dia in einer Geschichte über eine kretische Herrscherstochter das richtige Dia sein.

 

Wer sagt, dass Dionysos nicht dort, auf der Insel Dia nahe Knossos, zu seinem Namen kam? Wer sagt, dass dieser Name unbedingt mit dem Berg Nysa zu tun haben muss, und nicht von "Dia‑Insel", Dia ‑ Nissos, kommt, wo die Insel noch heute als „Nissos Dia“ bezeichnet wird ? Wer sagt, dass eine Herrschaft, wie die über die Insel Dia, nicht als "temenos" einer Herrscherstochter und ihres Gatten gerade angemessen ist?

 

Wer sagt ferner, dass "Dia" etwas mit dem Wort für "göttlich" zu tun haben muss, und nicht auf dem heute fahrplanbekannten Wort "dia", "über", basiert ? Dass die Dia ‑ Inseln nicht so etwas wie die erste und die letzte Stationen vor und nach einer langen Ruderfahrt über das offene Meer gewesen sind, für die sichere Überfahrt wichtige Inseln, "über" die man vom Heimathafen zum eigentlichen Ziel fuhr?

 

Wer sagt letztendlich, dass sich Dionysos, ebenso wie Theseus, nicht in bekannter Freier ‑ Manier am fremden Herrscherhof um eine der Töchter bewarb, und sich im Gegensatz zum Theseus erfolgreich bewarb? Natürlich, später, als Dionysos als olympischer Gott galt, wird der Gedanke an eine Bewerbung des Dionysos bei Menschen ein lästerlicher Gedanke gewesen sein. Also hatte Dionysos nicht als Bewerber, sondern als Retter oder gar Erlöser gekommen zu sein. In die Mythe passt jedoch ein menschlicher Dionysos viel widerspruchsfreier, als ein göttlicher.

 

Zum Gott muss Dionysos erheblich später geworden sein. Der untersetzte Weinhändler mit seinen Mänaden ‑ Festen hat unter Umständen neue Dimensionen ins Spektrum der gewohnten vorgriechischen Rollenbilder eingebracht. Seine plakative Rolle, seine Eigenschaften und seine Geschichte passten nicht ins herkömmliche Bild.

 

Kein Gott war der Gestalt des Dionysos zuordbar. Nicht Apollo, denn er war nicht so elegant, nicht Hephaistos, denn er war nicht so geschickt, nicht Hermes, denn er war nicht so wendig, nicht Ares, denn er war nicht so kriegerisch, nicht Poseidon, denn er war nicht so stark, nicht Hades, denn er gehörte nicht zur Unterwelt, und schon gar nicht Zeus, denn er war nicht der Chef. Andererseits passten Feste, auch solche mit Stierspielen, besser zum Dionysos, als zu einem der bekannten Götter. Als er dann, wie wir aus einer Ecke der Mythologie hören, nach Katreus und nach Deukalion, Gatte einer kretischen Herrscherin Ariadne geworden war, hatte er wohl eine Prominenz erreicht, die eine Aufnahme in den Kreis der Götter durch die Mythographen möglich machte, ähnlich, wie dies auch im Falle des  Herakles und im Falle des Asklepios geschehen ist.

 

Die Aufnahme des dicklichen Weinhändlers in den Kreis der zwölf großen olympischen Götter ist jedoch eine Besonderheit in der Mythologie, die keine Parallele hat. Herakles und Asklepios wurden zwar auch von Menschen zu Halbgöttern oder gar zu Göttern, jedoch nie zu solchen aus dem Kreis der großen Zwölf. Alle anderen, die je dem Kreis der Zwölf angehört haben, waren nie Menschen gewesen, sondern immer nur Götter. Trotzdem erscheint die Vorgangsweise der Priester und A-iden, bei Auftreten des Bedarfes nach einem Gott neuer Richtung, einen prominenten Verstorbenen, der in seinem Wesen den Bedarf in idealer Weise erfüllt, zu vergöttlichen, plausibel, und überdies der praktischen Veranlagung der Vorgriechen angepasst. Zur Vervollständigung des göttlichen Bildes muss dann später jene Variante der Geschichte geschaffen worden sein, gemäß der Dionysos nicht der Sohn der Semele gewesen ist, sondern von vornherein Göttersohn.

 

Die Hochzeit zwischen Ariadne und Dionysos, das ist klar geworden, muss jedenfalls nicht unbedingt als Begegnung zwischen Gott und Mensch verstanden werden.

 

 

 

 

Götter als Eltern

 

 

Zeus soll mit fünfzehn Menschenfrauen Kinder gehabt haben, Poseidon sogar mit achtzehn. Selbst der Göttin Aphrodite werden vier oder fünf Kinder mit Menschenmännern zugeschrieben, darunter Äneas. Schließlich wird auch von Menschen berichtet, deren beide Elternteile Götter waren, so etwa die thebanische Kadmos ‑ Gattin Harmoneia, die Tochter von Aphrodite und Ares.

 

Bei all den mit diesen Geschichten verbundenen Liebschaften und Zeugungen sind Göttinnen und Götter nie in ihrer eigentlichen Gestalt aufgetreten. Zeus kam beispielsweise als Stier und als Adler zur Europa, als Schwan zur Leda, als Goldregen zur Danae und als ihr Gatte Amphitryon zur Alkmene. Aphrodite kam zu des Äneas Vater Anchises in Gestalt eines sterblichen jungen Mädchens, einer fremden, phrygischen Prinzessin. Die Erscheinung in der eigentlichen Gestalt der Götter wäre für die Menschen tödlich gewesen, wie die Geschichte der Semele zeigt, die an des Zeus Anblick zugrunde ging, oder sie war zumindest unerwünscht, wie man auch zur Zeit der Niederschrift der Geschichte von Amor und Psyche noch dachte.

 

Göttinnen und Götter als Liebespartner und Elternteil waren daher weit davon entfernt, beweisbar zu sein. Sie waren ja nicht einmal sichtbar. Ihre Vater‑ oder Mutterschaft war daher nie etwas anderes als eine Sache des Glaubens.

 

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Fälle bei den Geschichten über göttliche Liebespartner und Eltern: Der eine Fall ist dadurch gekennzeichnet, dass die Gottheit einen vorhandenen Lebenspartner ersetzt, und dass daher ohne göttliches Auftreten die Elternschaft gar keine Frage wäre. In diesem Sinne wäre des Herakles Vater der Amphitryon, wenn es nicht Zeus war, der des Minos der Asterios, der der Helena der Tyndareos und der des Theseus der Ägeus, wenn es nicht Poseidon war.

 

Der andere Fall kennt eine göttliche Stellvertreterrolle nicht. Hier sind die Götter Eltern und es wird von niemand erzählt, der an ihrer Stelle die Elternschaft innegehabt haben könnte. Beispiele dafür sind die Zeus ‑ Partnerin Io, Mutter des Epaphos, die Poseidon ‑ Partnerin Libya, Tochter des Epaphos und Mutter des Belos, die Aphrodite – und – Ares ‑ Tochter Harmoneia, Stammmutter des thebanischen Herrscherhauses und die kretische Helios – Tochter Pasiphae, des Minos Ehefrau.

 

Im ersteren Falle ist es offensichtlich, dass die göttliche Elternrolle einen bedeutenden Menschen hervorheben soll. Ein Mensch wie Helena oder Herakles kann ganz einfach nicht von den bekannten menschlichen Eltern abstammen. Da muss doch ein Gott mitgewirkt haben !

 

Der andere Fall ist schon schwerer erklärbar, und nur dann erklärbar, wenn wir uns die gesellschaftliche Bedeutung von Familie und Genealogie in Griechenland, von der kretisch ‑ mykenischen Zeit bis heute, vor Augen halten. Adelige und andere bedeutende Personen kennen ihre Verwandtschaftsverhältnisse in diesem Lande, nicht nur, was die lebenden Verwandten betrifft, sondern auch, was die verstorbenen Verwandten vergangener Generationen anlangt.

 

Sie wissen, wie der eigene Stamm, der eigene Familienverband, mit den anderen Stämmen und Familienverbänden zusammenhängt. Und sie schätzen es ganz besonders, wenn sich die eigene Verwandtschaft ohne Unterbrechung, schlüssig und plausibel bis auf die ältesten Urahnen der beiden bedeutendsten Familienverbände der Vorgriechen zurückführen lässt: Auf Deukalion und Pyrrha, auf deren Sohn Hellen und dessen Gattin Orse‑is, auf die Urahnen der thessalischen „Achaier“ von vor 1500 vor Christus, - oder auf Argeia, deren Tochter Melia und Io, Melias Tocter mit Inarchos, zur selben Zeit die Urahnen der argivischen „Danaer“ von der Peloponnes. Genealogien, die so weit zurückführten, waren wegen der allgemeinen Begeisterung für Stammbäume wohl überall anzutreffen.

 

Was aber war zu tun, wenn ein nicht ‑ Grieche in der Verwandtschaft auftaucht ? Ein Altkreter zum Beispiel, ein Hethiter, oder gar ein Ägypter? Der hatte natürlich keinen griechischen Stammbaum. Mit einem Solchen konnte man nicht viel Eindruck machen. Nicht - ­griechische Stammbäume haben griechische und vorgriechische A‑iden genauso wenig interessiert, wie nicht - griechische Geschichten und Geschichten, in denen Griechen nicht mit anderen Griechen, sondern mit nicht ‑ Griechen zu tun hatten. Was also tun, wenn eine bedeutende Persönlichkeit der vorgriechischen Gesellschaft eine nicht ‑ Griechin zur Mutter hatte, oder einen nicht ‑ Griechen zum Vater hatte? Was tun, wenn gar beide Elternteile keinen griechischen Stammbaum vorweisen konnten? In derartigen Fällen bot sich nur eine einzige Lösung an: Griechische Götter mussten her, um die nicht ‑ griechischen Elternteile zu ersetzen !

 

Aus diesem Grunde musste Zeus für den kretischen oder ägyptischen Partner der Io  einspringen und Poseidon für den ebenfalls kretischen oder ägyptischen Gatten von lo´s Enkelin Libya. Aus diesem Grunde musste die wohl am ehesten altkretisch vorstellbare Kadmos ‑ Gattin Harmoneia zur Tochter von Aphrodite und Ares werden, musste der Titanensohn Helios, der Sonnengott, die Vaterrolle bei des Minos Gattin Pasiphae einnehmen, deren Mutter Perseis, ebenfalls mangels vorgriechischer Abstammung, zur Hekate – ähnlichen Nymphe werden musste, obwohl es sich bei beiden Elternteilen der Pasiphae, - und naturgemäß auch ihres Bruders Aietes, des Vaters der Medea, - wohl um Altkreter gehandelt haben wird.

 

Es sind dies Beispiele zu einer Reihe von Fällen, deren Regel immer die selbe ist.  Denken wir vielleicht noch an Aristaios, dessen Vater anstelle Apollos der libysche Gemahl der Kyrene gewesen sein wird, an die erwähnte, wohl nicht – griechische, „phrygische“ Prinzessin, die für Anchises und Äneas zur Aphrodite werden musste, und an Semele, deren durch Zeus ersetzter Partner ebenso wie der Vater ihrer Mutter Harmoneia kein Grieche war, sofern er überhaupt bekannt war. Denken wir an Tantalos, den „Lyder“, dessen nicht ‑ griechische Genealogie es wohl war, die den Anlass zu der Diskussion in der antiken Zeit gab, welcher Gott nun der Vater und welche Göttin die Mutter gewesen sein könnte.

 

Besonders signifikant ist das göttliche Stellvertretertum bei den Vorfahren des trojanischen Königshauses, das, wie wir daher wohl daraus schließen können, nicht aus Vorgriechen bestanden hat. Es werden wohl „Wilusa“ – Leute gewesen sein, die allesamt zwar Griechisch beherrschten, aber doch das Luwische als Muttersprache hatten. Daher gelten als Eltern von Stammvater Dardanos die Titanentochter Elektra und der Zeus. Daher muss der zur Gottheit personifizierte „Skamander“ – Fluß zum Vater gleich mehrerer trojanischer Prominenter werden, so zum Vater des Teukros, - des Schwiegervaters des genannten Dardanos, - zum Vater der „Kallirrho-e“, - der Gattin von des Dardanos` Enkel „Tros“, - und zum Vater der „Stymo“, der Gattin von des Tros` Enkel Laomedon, der Mutter des Podarkes oder „Priamos“ und daher auch der Großmutter von Hektor und Paris. Daher muss auch der Fluss Simoeis mit der „Astyoche“ – des „Tros`“ Mutter, - eine Tochter bekommen, und eine nach dem Berg Ida „Idea“ genannte Nymphe mit dem „Teukros“ einen Sohn.

 

Fälle, bei denen der Vater unbekannt war, führten wohl ebenso zu einem göttlichen Vater, wie jene, in denen der Vater nicht - ­Grieche gewesen ist. Der unbekannte Vater des Perseus, jener, der zur gefangenen Danae in den Turm gelangt ist, musste in diesem Sinne wohl oder übel zu Zeus werden, wenn es nicht doch Onkel Proitos war.

 

Klar wird in Folge dieser Überlegungen erneut, dass ein mehr als nur erheblicher Anteil jener Personen, die in das weiträumige Stammbaum‑ und Generationengeflecht der griechischen Mythologie einbezogen waren, Vorgriechinnen und Vorgriechen gewesen sein müssen, unabhängig davon, ob sie sich nun in Griechenland selbst, auf Kreta, auf den übrigen Inseln, in Kleinasien, im nahen Osten, in Ägypten, in Libyen bis hin zum Atlantik, in Italien, in Sizilien, oder in Spanien aufhielten. Die Träger der mykenischen Kultur hatten eben überall auf der damals bekannten Welt ihre Handelsbasen, die von Vorgriechen bewohnt waren. Dieses System wurde offenbar von den Altkretern aufgebaut, und ist, nach der von Kreta ausgehenden Machtübernahme der Vorgriechen, Schritt für Schritt übernommen worden.

 


 

Die „silberne Zeit“ – heute

 

 

Ein Experiment: Wir nehmen die Götter ‑ Mythen der antik – griechischen Autoren wörtlich, so als wären sie alte Zeitungsartikel, entkleiden sie des Übernatürlichen und stellen sie in einen zeitlosen Raum, in einen, in dem das Heute ebenso aktuell ist, wie die Zeit vor dreieinhalbtausend Jahren. Was entsteht? 

 

Es entsteht, wie der folgende Text zeigt, ein erstaunlich plastisches und vollständiges Bild einer Gesellschaft und einer Kultur, ‑ verschieden von der Gesellschaft und der Kultur der klassischen Antike. Ist es ein Abbild des Lebens in mykenisch ‑ kretischer Zeit, in jener Zeit, in der unsere Kultur ihre Wurzeln hat ?

 

Können Mythen, die von Göttinnen und Göttern handeln, überhaupt das Leben einer Gesellschaft widerspiegeln oder sogar zutreffend wiedergeben?

 

Es mag dies in der Regel nicht der Fall sein. Was die griechischen Göttinnen und Götter betrifft, scheint es jedoch zu brauchbaren Ergebnissen zu führen: Diese Gottheiten wurden nämlich, genauer betrachtet, weniger als transzendente Wesen verstanden, als vielmehr als Darstellungen des "Typischen" am Leben der Menschen: Sie sind gleichsam Manifestationen typischer menschlicher Charaktere, typischer gesellschaftlicher Rollen und  typischer menschlicher Schicksale.

 

Nehmen wir an, wir betrachten nun, ausgehend von den Götter – Mythen, jene, wie die Heroen - Mythen uns erzählen, friedliche Zeitspanne vor den  mythischen Kriegen, wie jenen um Theben und jenen um Troja. Man könnte diese ­Periode als Hesiods „silberne Zeit“ begreifen. Es wäre wohl, historisch betrachtet, die Zeit um 1350 vor Christus, unter dem Einfluss des ägyptischen Wirtschaftswunders des Pharao Amenophis des Dritten.

 

Die folgende Darstellung zeigt, dass sich die Göttinnen und Götter sowohl in den weltstädtischen Raum, wie jenen von Knossos, Mykene oder Theben projezieren lassen, als auch in den kleinstädtischen und dörflichen Raum. Zeus ist in diesem Sinne sowohl ein typischer Regierungschef, als auch ein typischer Bürgermeister. Der örtliche Bezug ist ebenso vorstellbar, wenn man vor seinem geistigen Auge aus den Ruinen von Knossos ein lebendes Gemeinwesen rekonstruiert, wie aus jenen der ostkretischen Kleinstadt  Gournia.

 

Die Namen der Göttinnen und Götter sollen möglichst heutig klingen, um Voreingenommenheiten zu vermeiden, aber doch erkennbar sein. Die griechischen Namen werden daher im Folgenden in ihrer neugriechischen Form verwendet; soweit dies im Deutschen logischer scheint, fallweise auch im Vokativ. Wo die lateinischen Namen für uns üblicher scheinen, werden diese verwendet.

 

 

 

 

 

 

Das „Große Gebäude“

 

 

In den Hügeln liegt die Stadt. Was bereits auf den ersten Blick an ihr auffällt, ist ein überproportional großes Gebäude in ihrem Zentrum. Genau genommen handelt es sich dabei um einen ganzen Gebäudekomplex, eine zwar einheitliche, jedoch  vielfältig gestaltete, mehrgeschossige Anlage mit mehreren Höfen.

 

Am Umriss des Gebäudekomplexes, aus der Ferne betrachtet, glaubt der Volksmund, eine „Stiege“, eine „Nase“ und eine „Krone“ oder einen „Thron“ erkennen zu können, was zwar mit den Funktionen der entsprechenden Gebäudetrakte wenig zu tun hat, jedoch ein Zeichen dafür ist, wie sehr sich die Menschen mit dem „Großen Gebäude“ beschäftigen, es als ihr Wahrzeichen ansehen und sich mit ihm identifizieren.

 

Das „Große Gebäude“ ist kein neues Gebäude. Es ist wohl schon uralt. Jedenfalls stammt seine Grundsubstanz, zwar durch spätere Umbauten verändert, noch aus der Zeit vor dem Umsturz.

 

Es wird gesagt, es sei einmal ein Kloster gewesen. Andere sagen, es war ein Genossenschaftshaus. Wieder andere meinen, hier hätte einmal eine Herrscherin oder ein Herrscher gehaust, und es sei ein Palast gewesen. Sei es nun früher so oder anders gewesen, - heute gehört das „Große Gebäude“ der Gemeinde, und heute dient es einer Fülle verschiedenartiger Zwecke, von denen im Folgenden die Rede sein wird.

 

Auch Wohnungen finden sich im Gebäude. Eine stattliche Anzahl der hervorragendsten Mitglieder der Gemeinde bewohnt die Wohnungen im „Großen Gebäude“, ‑ so zum Beispiel auch der Bürgermeister und seine Frau.

 

 

 

 

Der "Chef''

 

 

Der Bürgermeister wird von allen meist nur "Chef" genannt. Zum einen, weil er tatsächlich der Chef ist, zum anderen weil er "Sefs" heißt. Dieser seltsame Name wird auch häufig abgewandelt. Man hört "Dio" zu ihm sagen, „Sino“, manchmal sogar "Zeus", oder gar "Jove".

 

Der Chef hat neben der Bürgermeisterei keinen weiteren Beruf. Er ist ein hauptberuflicher Bürgermeister, und diese Funktion lastet ihn auch aus. Für die Sitzungen der Stadtregierung und für die Veranstaltungen der Gemeinde steht ihm im Zentrum des „Großen Gebäudes“ ein prachtvoller Saal zur Verfügung, oben, mit eindrucksvollem Rundblick. Auch, wenn sich gerade niemand in diesem Saal befindet, kann man sehen, wo der Platz des Chef ist. Sein Sitz ist wie ein Thron gestaltet.

 

Trotzdem sitzt der Chef nicht so fest im Sattel, wie man meinen könnte. Nur zu gut kann er sich noch daran erinnern, wie sie ihn abgesetzt hatten, zum Glück nur vorübergehend. Es ist nicht unbedingt Sinos Interesse, schon jetzt in Pension gehen zu müssen, auch wenn ihm sein Vater und Vorgänger als Bürgermeister aus eigener Erfahrung vorschwärmt, wie schön das Leben als Pensionist auf diesen Inseln sei, die sie die seligen Inseln nennen.

 

Der Chef ist häufig gar nicht in der Gemeinde anwesend, sondern unterwegs. Er reist in allerlei wichtigen Angelegenheiten auf der ganzen Welt herum, was für eine Handelsstadt nicht ganz ohne Bedeutung ist.

 

Der Chef hat eine ganz besondere persönliche Vorliebe: die Meteorologie. Abergläubische Menschen glauben sogar, er könne das Wetter beeinflussen und es donnern und blitzen lassen, wann er will. Das kommt wahrscheinlich daher, weil der Chef immer so einen energiegeladenen Eindruck macht.

 

Eine bemerkenswerte Eigenschaft hat der Chef ganz zweifellos: Er ist einer der größten, wenn nicht der größte, Schürzenjäger in der Gemeinde. Zwar liebt er seine Gattin nicht weniger als früher, - ­immerhin hat er mit ihr vier erwachsene Kinder, ‑ jedoch, ganz unabhängig davon kann er es nicht lassen, jeder Frau, die ihn interessiert, nachzusteigen. Und er kommt gut an bei den Frauen ! Viele hat sein männlich ernster Scharm, unterstützt durch seine adlerartige Direktheit und durch seinen gepflegten Bart, schon fasziniert.

 

Seine unehelichen Kinder ! ‑ Wer hat noch die Übersicht und kann sie zählen ? Vierzig, wie man manchmal hört, dürfte aber doch übertrieben sein. Einige dieser unehelichen Kinder, manche davon schon erwachsen, leben in der Gemeinde, und es wird von ihnen noch die Rede sein.

 

Die Frau des Bürgermeisters lässt dessen Seitensprünge keineswegs so ohne Weiteres über sich ergehen, ‑ ganz in Gegenteil ! Sie ist eine selbstbewusste und starke Frau, selbst dem Chef unverbrüchlich treu und sie neigt keineswegs dazu, ihre Eifersucht zu verheimlichen. Die Auseinandersetzungen zwischen dem Bürgermeister ‑ Ehepaar lassen die Gemeinde oft wochen­lang nicht zur Ruhe kommen.

 

 

 

 

Die "Chefin''

 

 

Die Frau des Bürgermeisters heißt "Ira". Sie ist Mitglied der Stadtregierung und sie ist die unumschränkte Herrscherin im "Großen Ge­bäude“. Werkstätten, Schule, Wohnungen und besonders die Warenlager werden von ihr mit großer Akribie und unermüdlich überwacht und verwaltet. Es ist nicht zuletzt Iras Verdienst, dass im "Großen Gebäude" alles so gut läuft.

 

Ira ist eine attraktive Frau: Sie ist hübsch anzusehen, mit ihren großen Augen, ‑ "Kuhaugen" sagen manche dazu, ‑ und sie sprüht vor Energie, ‑ mindestens genau so viel, wie ihr Gatte, der Chef. Eine kultivierte und eine lebenskluge Frau ist sie darüber hinaus ebenso, ‑ und sie ist auch stolz darauf. Mit ihrem Stolz hat sie sich allerdings auch schon den Vergleich mit einem Pfau eingehandelt.

 

Trotz all der eifersüchtigen Konflikte mit dem Chef ist sie für ihn die ideale Partnerin, man könnte meinen, sie sei die Inkarnation der Ehefrau schlechthin.

 

Wie der Chef selbst, übt auch Ira neben ihrer Tätigkeit für die Gemeinde, die sie ganz ausfüllt, keinen weiteren Beruf aus. Sie nennen sie daher auch: "die Chefin", ‑ und sie wäre durchaus in der Lage, gegebenenfalls auch alleine die Chefin in der Stadt zu sein.

 

Außer „Ira“ geben sie ihr in der Gemeinde manchmal auch einen anderen Namen, nämlich "Juno".

 

In der Gemeinde sind alle Honoratiorinnen und Honoratioren mehr oder weniger miteinander verwandt. Bestimmend ist in diesem Sinne eigentlich nur eine einzige große Familie. Von weiteren herausragenden Mitgliedern dieser Familie soll als Nächstes erzählt werten, zuerst von jenen, die außer dem Chef und der Chefin im „Großen Gebäude“ wohnen: Da ist zum Beispiel Atina, die Schuldirektorin, in der Stadtregierung für „Bildung“ zuständig, mit ihrer exzellenten fachspezifischen Fortbildungsakademie am Haupthof des „Großen Gebäudes“.

 

 

 

 

Die Lehrerin

 

 

Sie ist eine der vielen unehelichen Töchter des Bürgermeisters. Ihre Mutter, die Metis, ist eine Cousine des Chef. Atina ist Zeit ihres Lebens Jungfrau geblieben, ‑ und zwar aus freien Stücken. Nicht, dass sie sich Keinen gefunden hätte oder sich Keinen finden könnte. Sie hat nach wie vor viele Bewerber, so hübsch, so klug und so attraktiv, wie sie ist. Der oft gehörte Vergleich der Atina mit einer Eule kann sich daher wohl, außer in Bezug auf ihre großen Augen, kaum auf ihr Aussehen beziehen, sondern darauf, dass man diesen Vogel gemeinhin für einen  Klugen hält.

 

Sie ist unbestritten die klügste und die gebildetste Person im Ort. ‑ von allen Frauen und von allen Männern. Jeder und Jede zählen auf ihren Rat. Dies gilt um nichts anders für die großen und bedeutenden Angelegenheiten der Strategie der Gemeindepolitik, als auch für die im Vergleich bescheiden anmutenden, aber doch so wichtigen Dinge des täglichen Lebens. Viele ihrer Ideen und Anregungen stecken zum Beispiel in der Keramik, die die Stadt herstellt, in den landwirtschaftlichen Geräten, etwa den Pflügen, in der Kultivierung des Ölbaumes, ‑ und sogar in der Struktur des Rechnungswesens der Gemeinde.

 

Atina ist um nichts weniger als die Ira eine stattliche und eine kraftvolle Frau, ‑ eine, die sich zu wehren weiß, nicht nur gegen Schulkinder. Beeindruckend ihr Durchsetzungsvermögen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann geschieht es auch. Atina ist in diesem Sinne die geborene Siegerin. Sie ist sich dessen auch wohl bewusst. Warum sonst hätte sie bei sich zu Hause eine Lanze zur Schau gestellt, und diesen eigentümlichen zotteligen Brustpanzer.

 

Atina hat noch einen weiteren Beruf: Sie betreibt die Weberei im "Großen Gebäude". Sie ist stolz auf ihre kleine Produktion von Stoffen aus der Wolle der Schafe in der Gemeinde.

 

Auch Atina hat einen wohlklingenden zweiten Namen. Dieser lautet "Minerva".

 

Neben den Personen, von denen schon die Rede war, gibt es im "Großen Gebäude“ noch den Arzt. Auch er ist ein Produkt eines Seitensprunges des Chefs, diesmal mit der Leto, einer anderen Cousine.

 

 

 

 

Der Doktor

 

 

Seine Rolle als der Oberarzt vom „Großen Gebäude" gestattet es durchaus, dass er, entsprechend seinen vielfältigen Fähigkeiten, auch eine Vielfalt von Tätigkeiten ausfüllt, - besonders, da es mit dem „Äskulap“ nunmehr einen weiteren ganz hervorragenden Arzt im „Großen Gebäude“ gibt. So ist auch der Doktor einer der Mandatare der Stadtregierung. Er ist für Gesundheit, Sport und Musik verantwortlich.

 

Überdies ist er auch selbst ein ganz hervorragender Sportler, so etwa ein außer= ordentlicher Bogenschütze. Darüber hinaus singt er auf den Festen in der Gemeinde höchst persönlich und begleitet sich selbst dazu, mit einer Art Gitarre. Außerdem versucht er sich, sei es nun im Scherz oder im Ernst, immer wieder als Wahrsager, ‑ sodass man oftmals hören kann, er sei das „Orakel“ der Stadt.

 

Seine Eleganz ist auffallend, seine ebenmäßigen Gesichtszüge, sein kraftvoll ‑ schlanker Körperbau. Ein schöner Mann. "Die Sonne geht auf", hat man schon sagen hören, wenn er erscheint.

 

Jedoch: Obwohl er hübscher und eine Generation jünger ist, als sein Vater, der Chef, hat er trotzdem bei den Frauen viel weniger Erfolg als der Bürgermeister. Dabei ist er noch gar nicht verheiratet und, sozusagen, noch zu haben. Doch ganz ohne Liebe, hört man immerhin, braucht auch der Doktor nicht durchs Leben gehen.  Man munkelt dazu, die Liebe würde sich beim Doktor nicht nur auf das andere Geschlecht hin orientieren, sondern auch in die Richtung auf das eigene.

 

Für die Menschen in der Gemeinde ist es jedes mal eine ganz besondere Freude, wenn der Doktor seine selbst gedichteten und selbst komponierten Lieder und Balladen zur Gitarre singt. Da sind sie alle immer von neuem begeistert. Und stolz sind sie auch auf ihn, hat doch der Doktor so manchen Musikwettbewerb gewonnen. Der Lorbeer des Sieges, das ist seine Sache, ‑ nicht nur im Sport.

 

Zu unserem jungen und eleganten Doktor passt auch sein klangvoller Name: er heißt  „Apollo“.

 

Apollos Zwillingsschwester wohnt auch im „Großen Gebäude". Sie übt einen Beruf aus, der in dieser Gegend, seltsamer Weise, ein ganz üblicher Frauenberuf ist: Sie ist die Försterin und Jägerin der Gemeinde.

 

 

 

 

"Diana" und die Umwelt

 

 

Man wird sie kaum je in ihrer Wohnung im "Großen Gebäude" antreffen: in der Regel ist sie draußen in der Natur. Sie heißt eigentlich "Artemis", meist sagen sie aber "Diana" zu ihr. Auch Artemis ist, wie die Atina, Jungfrau aus Überzeugung geblieben.

 

Sie lebt wie ein Mann, sie trainiert ihren Körper wie ein Mann und sie umgibt sich am liebsten mit jungen Mädchen, mit ihren, wie sie sagt, "Nymphen". Durch das viele Training ist von ihrem Busen nicht mehr viel übrig geblieben. Apollo sagt dazu, sie ist eben eine "Amazone", und das ist griechisch und bedeutet, sagt er, "Busenlose". 

 

Genau so, wie ihr Bruder, liebt sie das Bogenschießen und sie ist ebenfalls perfekt darin. Man kann gar nicht sagen, wer von den beiden in dieser Kunst nun besser ist.

 

Was Diana anpackt, das macht sie auch fertig. Beharrlichkeit und Konsequenz sind ihre herausragenden Charaktereigenschaften, die auch hervorragend zu ihrem Beruf passen, und zu ihrer Verantwortung in der Stadtregierung. Sie setzt diese Eigenschaften auch immer wieder für einen guten Zweck ein: für den Umweltschutz ! Wenn jemand ihrem geliebten Wald und ihren geliebten Tieren, etwas zu leide tun will, insbesondere ihren Hirschkälbchen, kriegt er es mit Diana zu tun !

 

Diana liebt nicht nur die Tiere, sie liebt auch die kleinen Kinder. Sie hat sich sogar selbst zur Hebamme ausbilden lassen, und sie unterstützt, was die Geburtshilfe anlangt, die Bemühungen ihres Bruders.

 

 

 

 

 

Was der "Vulkan" hervorbringt

 

 

Einen besonderen Platz im Komplex des „Großen Gebäudes“ nimmt der Ifesto ein, den sie auch den "Vulkan" nennen: Die Werkstatt nämlich, ‑ und diese Werkstatt ist erstaunlich groß: sie umfasst einen ganzen Flügel der Anlage, ‑ eigentlich ist sie mehr, als eine übliche  Werkstätte. Sie ist eine Fabrik ! Wie ein Firmenzeichen steht eine Doppelaxt davor, aufgestellt auf ihrem Stiel.

 

Entsprechend seiner Tätigkeit ist Ifesto in der Stadtregierung für Technik, Handwerk und angewandte Kunst zuständig.

 

Ifesto ist gelernter Schmied. Er ist als solcher auch stolz auf seine Geschicklichkeit mit dem Hammer, ‑ und natürlich besonders auf seine zwanzig Blasbälge im „Großen Gebäude“, sowie auf den erstaunlich hohen Automationsgrad seiner Produktionsanlagen.

 

Neben seiner Tätigkeit als Schmied erzeugt und repariert er Vieles. Das hat dann oft, wenn überhaupt, nur sehr entfernt mit dem Schmiedehandwerk etwas zu tun. Wenn es etwas, das gebraucht wird, gar nicht gibt, dann erfindet Ifesto es eben neu. Die dreibeinigen Tische, die automatisch in seiner Werkstatt, und nicht nur in der Werkstatt, herumfahren, gestatten keinen Zweifel: Hier lebt ein Erfinder !

 

Ifesto ist einer der beiden Söhne von Ira und vom Chef. Der andere ist Ari, von dem noch die Rede sein wird. Ifesto hinkt. Warum, darüber wird in der Gemeinde nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Man sagt, er sei bei Ira und beim Chef zwischen die Fronten geraten, er habe seine Mutter gegen den Chef verteidigt, und mehr habe er nicht gebraucht !

 

Schon von haus aus nicht gerade hübsch, lässt ihn sein Hinken, zusammen mit dem Schmutz, der mit seiner Arbeit verbunden ist, ausgesprochen hässlich erscheinen. Und doch gibt es zwei Aspekte strahlender Schönheit in seinem Leben:

 

Der eine Aspekt ist der Schmuck, den er so gerne herstellt, besonders, wenn er aus Gold ist. Alle Frauen in der Stadt sind stolz, wenn sie ein Stück von Ifesto besitzen. Manchmal übertreibt es Ifesto aber auch: So hat er sich vergoldete Krücken angefertigt, mit denen man ihn hin und wieder durch die Gegend hinken sehen kann.

 

Der zweite Aspekt der Schönheit in Ifestos Leben, das ist seine Frau: Ganz ohne Zweifel ist Afroditi, ‑ oder "Venus", wie sie sie meistens nennen, die schönste Frau in der Gemeinde; ‑ es gibt Fans, die sagen, im ganzen Land oder sogar auf der ganzen Welt. Derartige Einschätzungen werden allerdings von manchen Damen in der Gemeinde nicht geteilt, wie etwa von Atina und von Ira.

 

 

 

 

 

Die Gesellschaftsdame

 

 

„Venus“, wird gesagt, sei vielleicht auch eine uneheliche Tochter des Chef. Es gibt welche, die sagen sogar, ihr Vater sei des Chefs Groß­vater gewesen, und zwar nicht freiwillig, sondern unter ganz selt­samen Umständen. Erstaunlich, dass sie sich nicht einmal bei Venus Mutter einig sind. Das kommt wohl daher, dass Aphroditi nicht in der Ge­meinde aufgewachsen ist, sondern erst als fast erwachsenes junges Mädchen zum ersten Mal aufgetaucht ist: Das war unten, beim Wasser. Keiner von denen, die dabei waren, kann das vergessen: wie das un­bekannte, junge, bezaubernd hübsche Mädchen aus dem Wasser steigt, und wie es damals den Stadtbewohnern zum ersten Mal aufgefallen ist. Wie sie geschaut haben !

 

Inzwischen ist sie längst ein voll integriertes und sogar ein angesehenes Mitglied der Gemeinde geworden. Man hat sie ins Herz geschlossen, und man freut sich, wenn man sie sieht, oft mit ihrer zahmen weißen Taube und, auch nicht selten, mit einer roten Rose in der Hand.

 

"Venus" übt einen für uns seltsam anmutenden Beruf aus: sie ist "Gesellschaftsdame" bei der Stadt, ‑ und dementsprechend in der Stadtregierung für die Protokoll- Angelegenheiten zuständig. Ihre Aufgabe besteht darin, dann, wenn fremde Händler, Fachleute oder politische Gäste kommen, "da" zu sein, ‑ sie zu unterhalten, sie zu begleiten, mit ihnen bei Tisch zu sitzen. Nein ! ‑ "Venus" ist keine Dirne. Ihr Feingefühl in allen Angelegenheiten des Anstandes und der Etikette lässt auch gar keine diesbezüglichen Missverständnisse zu, ‑ ebenso wenig, wie der prachtvolle sommerlich luftig ‑ offene Trakt des „Großen ­Gebäudes“, der "Venus" zur Verfügung steht.

 

Die fremden Händler, Frächter und Fachleute, ‑ meistens Männer, - ­erwarten die Dienste unserer Gesellschaftsdame, und sie freuen sich jedes ­mal von neuem auf die "Venus". Vielleicht kommen manche von ihnen nur deshalb gerade in diese Stadt, und in keine andere, weil sie hier von der "Venus" betreut werden.

 

Natürlich macht ein Beruf, wie der von Afroditi, anfällig für das Verlieben. Wie oft die "Venus" schon verliebt war ! Ihr Gatte lfesto sieht meist großzügig darüber hinweg. Dafür hat er eben eine so schöne und so attraktive Frau. Sogar den "Halbjahres ‑ Geliebten", den sich die Venus mit der Kori teilt, den „Adonis“, hat er akzeptiert. Allerdings, wie dann sein eigener Bruder, der Ari, dran war, hat er doch reagiert: Die ganze Gemeinde hat gelacht, als Ifestos Netz die "Venus" und den Ari im Bett gefangen hat, und sie nicht mehr heraus konnten!

 

Jedenfalls, ‑ von Ari hat die "Venus" ein Kind, die Harmonia. Von ihrem Gatten Ifesto hat sie keines. Es wird gemunkelt, dass es sich bei der Ehe zwischen Ifesto und Afroditi wohl um eine Josefsehe handeln muss.

 

 

 

 

Der Streitbare

 

 

Ari hat seine Wohnung auch im „Großen Gebäude". Er ist Soldat, oder, wie er selbst meint, "Krieger".  Daher ist er schon „berufsbedingt“ oft nicht zu Hause.

 

Ari, der Mars, ist einerseits hübsch, stark und mutig, andererseits aufbrausend, jähzornig und streitsüchtig. Überdies ist er ein Waffennarr, allerdings einer, der gar nicht so sehr auf Schusswaffen aus ist, als auf Schwerter.

 

Er liebt Auseinandersetzungen jeder Art, und zwar um ihrer selbst willen. Deshalb scheuen ihn auch Viele in der Gemeinde. Den "Wolf" nennen sie ihn, und den "Falken". Sein Charakter mag auch dazu beigetragen haben, dass Ari bis heute unverheiratet geblieben ist, und nicht einmal eine feste Beziehung zu einer Freundin hat. Aus diversen kurzfristigen Liebschaften, - am längsten noch mit der „Venus“, hat er jedoch immerhin schon einige Kinder. Auch hier übertreibt wohl die Mär, die von sieben, oder gar acht Kindern spricht.

 

Die Menschen akzeptieren den Ari, mit all seinen üblen Eigenschaften, letztendlich aber doch, - wenn schon nicht deshalb, weil sie ihn persönlich schätzen, so doch zumindest wegen seiner Freunde, zu deren Kreis er immerhin den Adi, die Kori und die "Venus" zählen kann. So wird denn auch über des Ari diverse Raufereien beim Wirt hinweggesehen. Er wird sogar wert befunden, ein Mandat in der Stadtregierung auszuüben. Sein Ressort ist, - wen wundert es ? – die Verteidigung.

 

 

 

Bacchus und der Wein

 

 

Einen Wirt gibt es im „Großen Gebäude" noch nicht lange. Das hat erst der Dionyso aufgebracht, vor einigen Jahren, als er neu in die Gemeinde kam, und die Hauerei und den Weinhandel der Gemeinde zu führen begann, jene Organisation, deren Zeichen die Darstellung einer Weintraube ist. Obgleich neu in der Gemeinde, gilt auch er als ein unehelicher Sohn des Chef.

 

Er ist ein bodenständiger Charakter und ein kräftiger Mensch. "Wie ein Stier", hört man manchmal über ihn sagen.

 

Mit Dionyso, dem Bacchus, und mit seinem Begleiter, dem Sileno, kam das Deftige in die Stadt, das Weintrinken, besonders das viel ‑ Trinken, das Herum­ziehen in der Gemeinde, Männlein und Weiblein, in ausgelassenem Zustand und zu jedem Schabernack bereit, meistens mitten in der Nacht oder, besser gesagt, zeitlich in der Frühe, ‑ ohne jedes schlechte Gewissen und stolz des Dionysos Tannenzapfenstab als ihr Zeichen schwenkend.

 

Dionyso ist verheiratet. Seine Frau lebt aber nicht in der Gemeinde. Nicht, dass sie geschieden wären: Dionyso ist in Sachen Wein oft unterwegs und besucht dann in der Regel seine Ariadne und die Kinder.

 

Die örtliche Trennung des Ehepaares ist nicht im Privaten begründet, Tätigkeiten und Lebensstil führen ganz einfach dazu. Sie würden im Grunde auch beide gerne zusammen wohnen. Allerdings: ob die Ariadne, trotz all ihrer Toleranz, all die "Mänaden" des Dionyso so ohne weiteres verkraften würde, darf zumindest als fraglich gelten.

 

Die Feste bei Dionyso mögen oftmals im Chaos enden. Dabei sind sie im Grunde immer sehr feierlich. Seit einiger Zeit beginnt er sie mit Theateraufführungen, und er spielt selbst mit. Er hat aus Bürgern der Stadt inzwischen eine Laienspieltruppe zusammengestellt, die ihresgleichen sucht.

 

 

 

Der Kaufmann

 

 

Ein ganz besonderer Bewohner des „Großen Gebäudes“ ist Ermi, der Kaufmann, auch der „Hermes“ genannt. Auch er ist ein uneheliches Kind des Chef, diesmal­ von dessen Großnichte Maia. Ob Einzelhandel, Großhandel, oder Fernhandel, Ermi besorgt alles mit bemerkenswerter Geschicklich­keit und Wendigkeit; ‑ oft an der Grenze zur Legalität, aber niemals jenseits dieser Grenze.

 

Es gibt keine noch so verfahrene Situation, aus der Ermi nicht heraus finden würde. Drum hat ihn der Chef auch zu seinem Sendboten gemacht: Kommt der Chef nicht selbst, dann kommt eben Ermi, mit seinem seltsamen Stab, der ihn als den Sendboten legitimiert. Er macht seine Sache sicher nicht schlechter, als der Chef selbst sie gemacht hätte.

 

Seine Geschwindigkeit hat überdies schon viele beeindruckt. Er habe Flügel an den Füssen, ‑ das hat er oft und oft zu hören bekommen.

 

Ermi ist Junggeselle und denkt überhaupt nicht an eine fixe Bindung. Er hat, besonders auf seinen vielen Reisen, immer wieder Verhältnisse mit Frauen gehabt,  und er hat auch schon einige Kinder. In der Gemeinde lebt eines davon, Ermafrodito, das zweigeschlechtliche Wesen, das „Venus“ nach einem Seitensprung mit dem Ermi zur Welt gebracht hat.

 

Der Wohlstand in der Stadt geht zu einem Gutteil auf Ermis Schlauheit und Tüchtigkeit zurück.. Als Finanzreferent hat er so manches Wechselgeschäft in die Wege geleitet, das dem Gemeindesäckel zugute kam. Letztendlich ist, bei aller Unterstützung durch Atina, auch die Buchhaltung der Gemeinde sein Werk.

 

Das Geschäft, oder besser gesagt, dessen Lager, nimmt einen bedeutenden Teil des "Großen Gebäudes“ ein. Fast alle Keller sind mit Ballen und mit riesigen Krügen vollgestellt.

 

In der Stadtregierung ist Ermi unter anderem auch für die Straßen zuständig, die Wegmarkierungen und alles derartige. Man sieht: auch auf diesem Gebiet mit Erfolg

 

Bei den Festen in der Gemeinde trägt Ermi auch immer etwas bei. Er ist ein exzellenter Illusionist, insbesondere die Manipulation, das Zaubern mit den Händen, ist seine Stärke. Außerdem spielt er ganz ausgezeichnet Flöte, und Gitarre auch.

 

Auch bei traurigen Anlässen ist Ermi zur Stelle. Er lässt es sich nicht nehmen, wenn jemand in der Stadt gestorben ist, beim  Leichenzug dem Sarg voran zu gehen. Dadurch entsteht, -  niemand wird genau sagen können, warum das so ist, - ein ganz eigentümliches Gefühl der Feierlichkeit. Man meint vielleicht, der Meister aller Wege werde auch für die Seele der oder des Verstorbenen den richtigen Weg finden. Vielleicht ist derlei Tun für den Ermi der nötige Ausgleich zu seinen sonstigen, hauptsächlich von der Wirtschaft  bestimmten, Aufgaben.

 

Um es bei so vielen Fähigkeiten und Tätigkeitsbereichen des Ermi nicht zu vergessen: Er besitzt auch eine kleine Schaf‑ und Ziegenherde, die er, wenn er, was selten genug vorkommt, Zeit dafür hat, mit Begeisterung selbst hütet. Mit einem Hammel oder Widder in den Armen sieht er sich besonders gern.

 

Auch Ermi ist unter einem zweiten Namen bekannt, nämlich als der „Merkur“.

 

Im "Großen Gebäude" wohnen, außer den beschriebenen zehn Funktionsträgerinnen und Funktionsträgern der Stadtregierung, noch weitere Leute, bedeutende und weniger bedeutende: Da gibt es zum Beispiel noch Ivi und Eris, die beiden Töchter von Ira und dem Chef. Da gibt es den Eros, den Ganymed und den „Herkules“, von dem in der Folge noch näher berichtet wird. Wir sehen uns jedoch als nächstes nach jenen Personen um, die nicht im "Großen Gebäude“ wohnen, und trotzdem für die Stadt und ihre Regierung von besonderer Bedeutung sind:

 

 

 

 

Frau Baumeisterin

 

 

Estia ist eine Schwester des Chef. Ihr Name wird auch manchmal „Vesta'' ausgesprochen. Estia hat früher im „Großen Gebäude" gewohnt. Dann hat Dionyso ihre Wohnung übernommen, ‑ und ihr Mandat in der Stadtregierung gleich mit dazu. Estia ist in die Stadt gezogen. Dort hat sie ihr Haus, gleich neben ihrem Bauhof. Estia hat nämlich das Maurer- ­und auch das Hafner ‑ Handwerk gelernt, und sie ist die Baumeisterin der Gemeinde. Die meisten der Wohn ‑ Ideen in den Häusern der Stadt und ihres Umlandes, sowie im „Großen Gebäude“, stammen von ihr. Gerne plant und baut sie Säulen, ‑ am liebsten solche, die mitten im Raum stehen.

 

Von außerhalb der Gemeinde hört man oft sagen, dies mache alles der Ifesto. Diese Fehleinschätzung mag darin begründet sein, dass Estia so bescheiden wirkt, dass man ihr vieles, das sie tut, daher nicht zutraut, und dass man nicht wahrhaben möchte, dass eine Frau es ist, die so Vieles bewirkt.

 

Estia ist, nach Atina und „Diana“, die dritte "Jungfrau aus Überzeugung". Apollo hat sich um sie beworben, Posidon hat sich um sie beworben, ‑ sie zog es vor, alleine zu bleiben, und mit keinem ein Verhältnis zu beginnen. Deshalb, und zusätzlich wegen ihrer Friedfertigkeit, achten alle in der Gemeinde die Estia wie ein höheres Wesen. Wenn bei feierlichen Anlässen ein Priester gebraucht würde, ‑ es gibt  nämlich keinen einzigen Berufspriester in der Stadt, ‑ wenden sie sich an Estia.

 

Wenn sie das Feuer anzündet, wenn sie am offenen Kamin sitzt, dann ist es für die Bürger, als wäre das etwas Heiliges. Derartige Gefühle stellen sich in der Gemeinde sonst nur dann ein, wenn Ermi, wie er es gewohnt ist, einen Verstorbenen in seinem Sarg zur Gruft geleitet, und wenn Dionyso den Chor seiner Theatergruppe dirigiert.

 

Wenn ein Reisender oder sonst jemand für die Nacht ein Quartier benötigt, dann kann er sich diesbezüglich jederzeit an Estia wenden. Sie ist weithin bekannt für ihr gastfreundliches Haus und für ihre Hilfsbereitschaft.

 

 

 

 

 

 

Der Seemann

 

 

Ganz anders geartet, als Estia ist ihr Bruder Posidon, den sie den "Neptun" nennen. „Neptun“ ist Seemann, Seekapitän, zuständig in der Stadtregierung für das Seewesen, ‑ und er wohnt auch unten, am Wasser. Er ist laut, aufbrausend, eigensinnig und streitsüchtig. Als älterer Bruder des Chef hatte er sich eigentlich erwartet, selbst Chef zu werden. Da der Chef ihm jedoch früher einmal aus einer gewaltigen Patsche herausgeholfen hatte, akzeptiert er dessen Rolle. "Das Wasser", sagt er zu seinem eigenen Trost, "das gehört mir !“

 

Einen kennzeichnenden Charakterzug hat Posidon mit dem Chef gemeinsam: Es ist dies  das energiegeladene Wesen. Man "spürt" gleichsam seine Stärke. Besonders deutlich scheint dies immer dann zu werden, wenn er mit seiner dreizackigen Harpune unterwegs ist. So wie manche vom Chef glauben, er könne es blitzen und donnern lassen, glauben sie vom „Neptun“, er könne das Wasser zum Wallen bringen, die Erde zum Beben und den Sturm zum Blasen.

 

Kräftig, aber nicht sehr klug, ‑ das ist die allgemeine Meinung über den Posidon. Das hat sich auch gezeigt, als er die Tetis heiraten wollte. Es wurde vorhergesagt, der Tetis ihr Sohn würde bedeutender werden, als der Vater. Neptun hat das geglaubt, und er hat sich sofort entschlossen, nicht die Tetis zu heiraten, sondern ihre Schwester, die Amfitriti. Die wollte ihn aber zuerst einmal überhaupt nicht. Sie ist sogar bis nach Marokko vor ihm geflo­hen. Letztendlich hat er aber so sehr um sie geworben, auch vermittels eines Sendboten, dass sie ihn doch geheiratet hat. Inzwischen hat sie drei Kinder von ihm.

 

„Neptun“ hat eine für einen Seemann seltsam anmutende Vorliebe: die Pferde. Sogar Pferderennen hat er schon in der Stadt organisiert. Viel Zeit bleibt ihm aber nicht für seine Pferde, denn meistens ist er, wie es sich für einen Seekapitän gehört, gar nicht zu Hause.

 

 

 

 

Adi und die Schatten der Toten

 

 

Der, neben dem Neptun, andere Bruder des Chef ist Adi, der auch "Orcus" geheißen wird. Auch er ist älter als der Chef, auch ihm hat der Chef aus der Patsche geholfen, und auch er akzeptiert daher die Rolle des Chef als Chef. Wie Neptun meint, dafür gehöre ihm eben das Wasser, so meint Adi , dafür gehören ihm die Höhlen, oder, wie er es nennt, seine „Unterwelt". Es gibt viele und weitläufige Höhlen im Stadtgebiet und im Umland. Adi kennt sie alle in‑ und auswendig.

 

Er ist der Überzeugung, die Schatten der Toten sind in seinen Höhlen zu Hause. Die Leute hingegen meinen, Adi habe Gold und Edelsteine in seinen Höhlen gefunden. Daher reden sie manchmal von ihm als vom "Pluto", das heißt, vom "Reichen". Adi residiert sogar in einer seiner Höhlen. Er hat sich sein Haus hinein bauen lassen, im Zwielicht, wo kaum mehr als der Goldwurz, die Asphodelie, wächst, - und er wohnt darin, zusammen mit seinem großen, scharf abgerichteten Hund, den er den „Zerberus“ nennt.

 

Adi ist der Leichenbestatter der Gemeinde. Alles, was mit Tod, Begräbnis und Sarg, Kremation und Urne, sowie mit dem Friedhof zusammenhängt, ist sein Geschäft. Er hat auch die richtige persönliche Ausstrahlung dafür: Gelassen, ruhig, und absolut humorlos, ständig mit der Kappe auf dem Kopf, strahlen Worte und Bewegungen des Adi eine Endgültigkeit aus, die keinen Zweifel zulässt.

 

Adi ist verheiratet. Seine Frau, die Kori, die Persefonia, ist das absolute Gegenteil von ihm: Sie ist blutjung, er wird schon alt. Sie ist immer lebendig und in Bewegung, - wie ein Gockelhahn, sagt man, ‑ er wirkt neben ihr wie ein lebendiger Leichnam. Sie hat ein ausgeprägtes Feingefühl, er ist wie ein Muli. Sie zeigt sich gerne in ihren bunten Kleidchen und mit dem Blumensträußchen in der Hand, er beachtet das alles gar nicht, weil man es in seiner geliebten Höhle sowieso nicht sieht.

 

 

 

 

 

Die Quartals ‑ Ehefrau

 

 

Kori ist Adis Nichte, die Tochter seiner Schwester Dimitra. Anfangs wollte sie den Adi über­haupt nicht heiraten. Schließlich hat er sie einfach mitgenommen, in seine Höhlenwohnung. Dimitra hat die Kori überall gesucht. Alle in der Gemeinde mussten ihr Suchen helfen. Dann fanden sie sie beim Adi im Haus. Dimitra verlangte die Tochter zurück.

 

Der Chef, Bruder sowohl von der Dimitra als auch vom Adi, wollte sich anfangs heraus halten. Da Dimitra mit ihrer Landwirtschaft daraufhin gleichsam "streikte" und keine Lebensmittel mehr hergab, bequemte sich der Chef endlich, dem Adi gegenüber ein Machtwort zu sprechen. Die Kori war inzwischen eingesperrt in dem Adi seinem Haus, und weigerte sich, irgendetwas zu essen oder zu trinken. Da ließ sich der Adi überreden, sie wieder nach Hause zu senden.

 

Als Kori nicht mehr eingesperrt war, ging sie in Adis Garten noch Granatapfelkerne essen und hatte es mit dem nach – hause ‑ Fahren gar nicht mehr so eilig. Im Familienrat wurde dann einvernehmlich beschlossen und von allen akzeptiert: Kori verbringt die  Wintermonate bei Adi in der Höhle als seine Ehefrau und die anderen Monate des Jahres bei der Mutter auf dem Hof. Mit dem Adi, sagt man, „Iäuft“ gar nichts. Auch hier wohl eine Josefsehe. Kori allerdings hat, wie schon erzählt, mit dem Adonis einen "Halbjahres‑Geliebten", den sie sich mit der "Venus" teilt.

 

Von Beruf ist Kori, genauso wie „Venus“, Gesellschaftsdame bei der Gemeinde, ‑ oder besser gesagt: sie ist noch nicht ausgelernt in diesem Be­ruf. Bei einer Afroditi als Vorbild wird Kori sicher einmal besonders perfekt als Gesellschaftsdame werden.

 

Im Winter, ‑ von Allerheiligen bis Ostern, würde man bei uns sagen, ‑ macht Kori mit dem Adi in Pomp funebre. Zu dieser Zeit ist nämlich Hochsaison auf dem Friedhof, ‑ nicht zuletzt deshalb, weil viele Bewohner von der Stadt, nämlich jene, die Sommers auf Reisen sind, jetzt Zeit für ihre Toten erübrigen können. Erstaunlich, wie sich das so lebendige junge Mädchen an diese Aufgabe anpasst: Sie entwickelt eine sonst bei ihr ungewohnte Würde, und ihre Freundlichkeit wird als Mitgefühl verstanden.

 

 

 

 

 

Die Landwirtschaft der Dimitra

 

 

Die fünfzehnte Person, von der hier berichtet wird, ist die Dimitra, - auch die „Ceres“ genannt, - von der eben schon die Rede war. Sie betreibt die große Landwirtschaft in der Gemeinde, ein Mustergut. Der „Grüne Daumen" ist ihr angeboren. Alles, was sie zieht, blüht und gedeiht. Sie baut Getreide, züchtet alle Tierarten und betreibt Gartenbau. Vieles, das die Gemeinde vom „Großen Gebäude“ aus vertreibt, stammt aus Dimitras Produktion.

 

In der Stadtregierung ist sie dementsprechend für die Landwirtschaft zuständig. Außerdem obliegt ihr das Sozialressort.

 

Als die "Mutter Erde" wird sie im Ort häufig bezeichnet. Seltsamer Weise hat man auch schon von ihr als von der "Schlange'' reden hören. Das rührt daher, dass die Leute in der Gemeinde die Schlangen nicht verabscheuen und sie mit der charakterlichen Eigenschaft der Falschheit verbinden, sondern als Glücksbringer und als Zeichen für die Gesundheit ansehen. Sie halten Schlangen sogar manchmal wie Haustiere. Es kann schon sein, dass gerade die Dimitra auf einer Feier mit um den Nacken gelegter Schlange erscheint, und niemand wundert oder fürchtet sich. Vielleicht ist das deshalb so, weil bis heute kaum je eine giftige Schlange in der Stadt und ihrer Umgebung angetroffen worden ist.

 

Auch Dimitra ist nicht verheiratet. Allerdings ist sie keine "Jungfrau aus Überzeugung", wie Atina, „Diana“ und Estia. Man weiß allgemein von einigen Verhältnissen und schließlich hat sie immerhin drei Kinder. Man munkelt sogar über einen Inzest mit ihrem Bruder, dem Chef.

 

Weil Dimitra so gutmütig ist, und weil sie so viel Erfahrung hat, haben sie sie gebeten, die Eheberatung der Stadtgemeinde zu leiten. Sie hat gerne zugesagt und sie freut sich, wenn sie ihr diesbezügliches Wissen an die jungen Leute weitergeben kann.

 

 


 

Die Stadtregierung

 

 

In der Regierung der Stadt und ihres Umlandes waren seit dem letzten Umsturz immer zwölf aus dem Kreis der bisher beschriebenen fünfzehn Personen vertreten. Alle waren schon mindestens einmal Ratsmitglied. Derzeit sind es jene zehn, die im „Großen Gebäude“ wohnen, und außerdem Dimitra und Posidon. Das hat aber schon öfters gewechselt. Vor einiger Zeit war, zum Beispiel, Estia  Stadträtin und Dionyso nicht. Damals waren es sechs Frauen und sechs Männer. Heute überwiegen die Männer mit sieben zu fünf.

 

Für die Ratssitzungen gibt es im „Großen Gebäude“ den bereits erwähnten prachtvollen Saal, und zwar oben in jenem Trakt im Zentrum der Anlage, wo das Gemeindeamt untergebracht ist, und wo auch Ira und der Chef ihre Wohnräume haben.

 

Die Beschreibung von Stadträtinnen und Stadträten alleine reicht nicht aus, ein vollständiges Bild von der Gesellschaft der Stadt zu übermitteln, ‑ nicht einmal ein vollständiges Bild des herrschenden Familienverbandes. In der Gemeinde gibt es immerhin eine stattliche Anzahl interessanter Leute, weit über jene, die Regierungsämter ausüben, hinaus:

 

Denken wir zum Beispiel an die muntere Wohngemeinschaft nahe dem „Großen Gebäude“, die aus zwölf Mädchen und einem einzigen Burschen besteht; ‑ einer ganzen "Chorus Line" voller künstlerischer Ambitionen in den verschiedensten Spielarten der künstlerischen Richtungen und Berufe: "Musen", sagen sie zu den jungen Frauen, zumindest zu neun von ihnen, und "Grazien" oder „Chariten“ zu den restlichen dreien.

 

Denken wir auch an die vielen Menschen, die Dienstverhältnisse haben. Das diesbezügliche Musterbeispiel folgt nun als sechzehnte und letzte Personenbeschreibung:

 

 

 

 

Der Gemeindearbeiter

 

 

Unter all den vielen Bediensteten im „Großen Gebäude“ hat Ira einen für sie besonders wichtigen: das ist ihr persönlicher Beauftragter. Er steht in manchen Jahren auch dann zur Verfügung, wenn in der schönen Jahreszeit all die anderen Männer unterwegs sind, und noch manche Frau dazu, Wenn der Chef auf Reisen ist, Posidon auf See, Ari in der Fremde militärisch unterwegs ist, wenn Ermi einer seiner Missionen nachgeht, und Dionyso den Wein exportiert.

 

"Gemeindearbeiter" ist, was ihn betrifft, viel zu wenig gesagt: Er ist nämlich in der Lage, Löwen zu bändigen und mit Schlangenplagen fertig zu werden. Er fängt wilde Stiere ein und zähmt widerspenstige Pferde. Hirsch und Wildschwein fängt er lebend. Er scheucht die Vögel von den Kulturen und mistet, wenn nötig auch mittels einfallsreicher Methoden, die Ställe aus. Sogar mit dem riesigen, scharfen Hund, der Adis Höhle bewacht, wird er fertig. Die Frauen lieben ihn. Ippolyta zum Beispiel, die bekannte Amazone, hat ihm ihren Gürtel geschenkt.

 

Er kann auch selbst Expeditionen führen. Wenn jemand dafür geeignet ist, direkt aus Andalusien Stiere zu holen und direkt von den Kanalinseln Äpfel, dann ist er es!

 

Schon als kleines Kind hat er mit der Hand Schlangen gefangen, ‑ und er hat auch seinem Musik ‑ Suplierlehrer die Gitarre über den Kopf geschlagen, weil er ihm eine andere Technik vorführte, als sein eigentlicher Lehrer.

 

Er ist kräftig, ehrlich, aggressiv, immer an der Grenze zum Überschnappen und leider viel zu häufig auch darüber. Für die Totschlags ‑ Geschichte in seinem Leben hat er lange genug büßen müssen.

 

Seinen Stolz auf seinen Aufstieg als Dienstnehmer zeigt er durch Understatement. Wo es geht, verwendet er anstelle des eigentlich für den jeweiligen Zweck vorgesehenen Werkzeuges einen einfach vom Baum gebrochenen Holzprügel.

 

Soviel er auch wegen seiner Fähigkeiten bewundert wird, irgendwie ist manchmal zu spüren, dass er trotzdem herablassend behandelt wird. Dies geschieht weniger, weil er nicht selbständig, sondern ein Dienstnehmer ist, sondern, weil gerade an ihm, dem Urbild des starken Mannes, der Verlust der Kultiviertheit der vergangenen Zeiten am deutlichsten merkbar wird.

 

Auch der Gemeindearbeiter ist ein unehelicher Sohn des Chef, ein Umstand, den ihm Ira wohl nie ganz verzeihen wird. Dabei ist er jetzt doch ihr Schwiegersohn geworden: In dritter Ehe ist er nämlich mit Ivi verheiratet, einer der beiden Töchter des Bürgermeister - Ehepaares.

 

Sein Name ist Palemon Alkidis, - und er ist der „Herkules“ der Stadt. Obwohl er von Ira genügend gepiesackt wird, und selbst oft meint, er wird von ihr verfolgt, ist er in Wirklichkeit, im wahrsten Sinne des Wortes, der "Iraklis", das heißt: "der Ruhm der Ira".

 

 

 

 

Zusammenschau

 

 

Wir sehen eine Stadtgemeinde, in deren Gebiet es Wohnhäuser gibt, Bauerngehöfte, einen Bauhof, einen Hafen und einen Friedhof, - und in der eine stattliche Anzahl wichtiger Funktionen in einem zentralen Komplex, dem „Großen Gebäude", untergebracht sind.

 

Es sind dies im einzelnen: Das Gemeindeamt mit dem Gemeindesaal, das Gästehaus der Gemeinde, die Elite- Schule, die führende Arztpraxis, eine Anzahl von Exportprodukten - Werkstätten, eine Weberei, die Exporthandelsstelle mit ihren mehr als umfangreichen Lagern, die führende Hauerei, die Forststelle, Stallungen, etwas Gastronomie, sowie die Wohnungen der mit diesen Funktionen verbundenen Personen, auch vieler der Honoratiorinnen und Honoratioren der Stadtgemeinde (Anmerkung des Verfassers: Sieh da ! Die alten Mythografen haben uns mit dem Olymp einen kretisch ‑ mykenischen Palast beschrieben, und auch alles das, was darin geschehen ist ! Vielleicht können wir nun auch die Ruinen von Knossos  besser verstehen, als bisher, etwa die konkreten Aufgaben der riesigen Lager und der Werkstätten. Wir könnten im nach außen zu weitgehend offenen Osttrakt mit dem großen Treppenhaus das für den Sommerbetrieb ausgelegte „Gästehaus“ sehen, im so genannten „Thronsaal“ den an dieser Stelle viel logischeren Festsaal der Elite- Schule und den ersten Stock des Westtraktes als den Ort des Gemeindesaales, des eigentlichen „Thronsaales“, begreifen).

 

Die Funktionen sind zwischen Frauen und Männern sehr gleichgewichtig, und in, - aus heutiger Sicht, - etwas unüblicher Weise aufgeteilt. Jedenfalls gibt es erheblich mehr qualifizierte Frauenberufe, verglichen sowohl mit der heutigen Zeit, als auch mit der Zeit der klassischen Antike. Bildung, Land‑ und Forstwirtschaft, Jagdwesen, Teile der Produktion, wie Bauwesen und Weberei, sowie die Organisation der Verwaltung sind hauptsächlich Angelegenheiten von Frauen; ‑ vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Männerberufe viel mit Reisen zu tun haben, vor allem mit dem Fernhandel, und die besonders qualifizierten Männer daher mehr abwesend als anwesend sind.

 

Die Rolle des Kultus ist eine sehr bescheidene: Es gibt zwar grundsätzlich Kirchen, jedoch befindet sich nicht einmal eine einzige davon in der Stadt, - und es gibt dem entsprechend auch keinen einzigen hauptamtlichen Priester hier. Kultische Plätze sind im „Großen Gebäude“, aber auch in den Privathäusern integriert.

 

Der diesseitsbezogenen und pragmatischen Lebensweise entspricht auch das vergleichsweise geringe Ansehen der Institution Ehe: Das Fremdgehen ist in dieser Gemeinde fast die Regel, wie man am Chef selbst, an „Venus“, an Kori, am Posidon, an Dionyso, und so weiter, sehen kann. Dazu sind zwei von sechs Ehen Josefsehen, geschlossen und geführt aus gesellschaftlichen Gründen. Fünf von sechzehn Personen !eben andererseits keusch: drei Frauen und zwei Männer; ‑ die Männer, Ifesto und Adi, beide eigentlich Ehemänner, jedoch eher unfreiwillig. Neun der sechzehn Personen sind verheiratet; sieben, vierundvierzig Prozent, sind unverheiratet.

 

Mit dem Chef scheint ein Mann, ‑ und keine Frau, ‑ letztendlich die Macht in der Gemeinde inne zu haben, ‑ doch es scheint dies wohl mehr, als es ist: immerhin war der Chef von den Seinen vorübergehend abgesetzt worden, und konnte nichts dagegen tun. Darüber hinaus ist der Besitz in der Gemeinde, ob dies nun Dimitras Landwirtschaft ist, Artemis Jagd, Estias Baumeisterbetrieb oder Atinas Weberei, eher in Frauen- ­als in Männerhand. lfestos Werkstätte macht hier die Ausnahme. Die Männer verfügen, - Grundstücke zum Leben und Wohnen, die sie genau so, wie die Frauen besitzen können, ausgenommen, - sonst im Grunde lediglich über das, was mit ihren vielen Fern­reisen zusammenhängt, - über Schiffe, Waffen, Pferde und Wägen.

 

Anhand der bekannten und vielfach publizierten Beschreibung der antiken Göttinnen und Götter durch die alten Mythografen setzt sich erstaunlicher Weise ein äußerst plastisches Bild vom Leben einer Gesellschaft zusammen, die mit keiner der bekannten antiken und archaischen Gesellschaften identisch ist, - die jedoch jene Gesellschaft ist, die den Hintergrund für die Mythen aus der heroischen Zeit darstellt.

 

Es drängt sich der Gedanke geradezu auf, dass es diese exakt beschriebene, prosperierende Gesellschaft tatsächlich gegeben hat, nämlich in jener vorantiken Zeit, in der unter griechisch - ­mykenischen Agenda die von den Vorgriechen übernommene Variante der alt­kretischen Kultur gelebt wurde, um so mehr, als dies die baulichen, schriftlichen und sonstig vorhandenen Reste aus dieser Zeit zu bestätigen scheinen.

 

In diesem Sinne ist die Stadtgemeinde mit dem „Großen Gebäude", wie sie auf diesen Seiten beschrieben ist, als direkter Vorfahr unseres heutigen Seins, Denkens und Lebens zu betrachten.

 


 

Die griechischen Göttinnen und Götter in der Übersicht

 

 

Die olympischen Gottheiten sind weniger als jenseitige Wesen zu betrachten, als als jeweils zusammenfassender Ausdruck für charakteristische menschliche Wesenszüge, Eigenschaften, Schicksale und Rollen in der Gesellschaft. Sie erklären sich in den folgenden Zuordnungen:

 

                                                                                                                    

Gottheit...

, Göttin, Gott...

, Ziel der Anrufung ist die Eigenschaft...

, die Sache allgemein...

, und die Sache konkret...

 

 

 

 

 

APOLLO

der Schönheit

ELEGANZ

Gesundheit

Schönheit

ARTEMIS

der Jagd

ZIELSTREBIGKEIT

Naturerlebnis

gute Jagd

DIONYSOS

des Weines

BEGEISTERUNG

Genuss

Wein

ATHENA

der Weisheit

KLUGHEIT

Wissen

Sieg

POSEIDON

des Meeres

KRAFT

Kraft

ruhige See u. Erde

HERA

die Gattin des Zeus

ZUSAMMENWIRKEN

Partnerschaft

Ehe

ZEUS

des Wetters, der Chef

STÄRKE

Macht

gutes Wetter

DEMETER

der Landwirtschaft

SICHERHEIT

Gedeihen

Kinder

HEPHAISTOS

der Schmiede

GESCHICKLICHKEIT

Können

gute Qualität

APHRODITE

der Liebe

LIEBE

Liebe

Liebeserlebnis

ARES

des Krieges

MUT

Kampf

Krieg

HESTIA

des Herdes

GASTFREUNDSCHAFT

Frieden

Wohnung

HERMES

der Kaufleute, der Bote

WENDIGKEIT

Wohlstand

Reisen

PERSEPHONE

der Unterwelt

GEDULD

Veränderung

Jugend

HADES

der Unterwelt

GELASSENHEIT

Ruhe

Tod

 

 

 

 

 

griechisch:

 

latein:

„Ministerialressort“, Zuständigkeit:

Planet:

negative Tendenz:

 

APOLLO

Apollo

Gesundheit,Sport,Musik u.bild. Kunst

Sonne

Einfalt

 

ARTEMIS

Diana

Umwelt, Forstwirtschaft

Mond

Unnahbarkeit

 

DIONYSOS

Bacchus

Weinwirtschaft, Kultus, darst. Kunst

-

Chaotismus

 

ATHENA

Minerva

Wissenschaft, Forschung, Unterricht

-

Rechthaberei

 

POSEIDON

Neptun

Seefahrt, Katastrophenschutz

Neptun

Beschränktheit

 

HERA

Juno

Vizereg.chefin, Familie, Frauenfragen

Mond

Eifersucht

 

ZEUS

Jupiter

Regierungschef, Inneres, Justiz

Jupiter

Schürzenjägerei

 

DEMETER

Ceres

Landwirtschaft, Soziales

Erde

Keine

 

HEPHAISTOS

Vulcanus

Technik, Gewerbe,angewandte Kunst

-

Unansehnlichkeit

 

APHRODITE

Venus

Protokollangelegenheiten

Venus

nur für die Sonnenseite

 

ARES

Mars

Kriegswesen, Verteidigung

Mars

Jähzorn

 

HESTIA

Vesta

Bau- und Wohnungswesen, Energie

-

Durchsetzungsschwäche

 

HERMES

Merkur

Finanz, Handel, Äußeres, Verkehr

Merkur

Unseriosität

 

PERSEPHONE

Proserpina

Wandel, im übrigen ohne Ressort

-

Naivität

 

HADES

Orcus

Bestattung, im übrigen ohne Ressort

Pluto

Sturheit

 

 

 

Die „Zwölfzahl“ wurde jeweils durch Auswahl von Zwölfen aus der Liste der fünfzehn hier angeführten Gottheiten erreicht.


 

Folgende weiteren Angaben vervollständigen die Übersicht über die olympischen Gottheiten, ihre Attribute und die ihnen zugeordneten Orte und Landstriche:

 

 

Gottheit

Attribut eins

Attribut zwei